Für die einzige Überraschung bei der zweiten Lesung des Quartierplans Ziegelhof sorgten gestern im Liestaler Einwohnerrat die Grünen. Ihr Fraktionssprecher Jürg Holinger sagte: «Wir haben die Lage neu beurteilt und werden uns der Stimme enthalten.»

Bei der ersten Lesung im März stellten sich die Grünen noch gegen den Quartierplan, was ihnen von den andern Fraktionen teils sehr harsche Kritik eingetragen hat.

Grüne rechnen mit Scheitern

Die Schelte scheint nicht wirkungslos geblieben zu sein. Denn bei der Beurteilung des Quartierplans blieben die Grünen bei ihrer ablehnenden Haltung. Holinger: «Wir unterstützen ein Einkaufscenter mit Parking und Wohnungen auf dem Ziegelhofareal. Doch die Umsetzung mit dem jetzigen Projekt ist keine gute Lösung und es besteht die Gefahr des Scheiterns.»

Alle andern Fraktionssprecher lobten das Projekt. So sprach Hanspeter Meyer (SVP) von einem «tollen Kompromiss», Peter Küng (SP) vom «richtigen Kraftblock für Liestal» sowie «einem Meilenstein für den Detailhandel» und Pascal Porchet (FDP) meinte, der Wirtschaftsstandort Liestal müsse ein Magnet für Besucher und Bewohner bleiben. Das Ziegelhof-Projekt sei eine Chance dazu.

Mit vielen Emotionen verbunden

Sein Fraktionskollege Michael Bischof doppelte nach: «Die Powerblocks Migros, Manor und Ziegelhof investieren gegen 200 Millionen Franken. Wir müssen diese Chance unbedingt nutzen.» Und Stadtrat Ruedi Riesen (SP) erinnerte an die zwölf Planungsschritte, die seit 2008 zum jetzigen Projekt geführt haben und resümierte: «Der grosse Aufwand hat sich gelohnt, denn wir haben ein äusserst ausgereiftes Projekt ohne Alternative.»

Riesen lieferte im Übrigen den Beweis dafür, dass der Ziegelhof-Quartierplan auch bei der zweiten Lesung mit vielen Emotionen verbunden war. Um «nicht ausufernd» zu werden, hielt sich der Stadtrat ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit strikte an ein Manuskript. Das einzige kritische Votum ausserhalb der Grünen stammte von Elisabeth Augstburger (EVP): «Mein Unbehagen hat sich nicht gelegt. Ich erachte eine Überarbeitung des Quartierplans als nötig.» Wie die Grünen enthielt sie sich der Stimme.

Volksabstimmung trotz grossem Ja

In der Schlussabstimmung segnete der Einwohnerrat den Quartierplan Ziegelhof unter Namensaufruf mit 29 gegen eine Stimme und bei sechs Enthaltungen ab. Das einzige Nein stammte von der Anwohnerin Elisabeth Spiess (Grüne). Obwohl damit das notwendige Mehr zusammen kam, um keine obligatorische Urnenabstimmung durchzuführen, hat das Volk im September das letzte Wort: Ein Antrag von Matthias Zimmermann (SP), den Entscheid dem Referendum zu unterstellen, fand eine grosse Mehrheit.

Oppositionslos durchgewinkt hat der Einwohnerrat drei Kredite von insgesamt 1,3 Millionen Franken für Strassenbau, Wasserleitung und Kanalisation auf dem Bahnhofplatz. Die gegenüber dem Investitionsprogramm vorgezogenen baulichen Eingriffe sind Voraussetzung dafür, dass die Migros-Pensionskasse ab kommendem Herbst ihre zwei Wohn- und Geschäftsgebäude wie geplant realisieren kann.