Alexander Scherz hatte nicht wirklich einen Grund, los zu spazieren. Er wollte sich nicht selber finden, wollte kein grosses Abenteuer erleben, hatte keinen Liebeskummer und wollte auch nicht fitter werden, denn das war er bereits. Nein. Er lag mit einem gebrochenen Arm im Spital und ihm war langweilig. Zufällig stiess er auf das Buch «Spaziergang nach Syrakus». Das Werk aus dem Jahr 1803 ist gesellschaftskritisch und beschäftigt sich mit dem Land Italien.

Das Buch zog Scherz in seinen Bann und liess eine Idee in ihm heranwachsen. Schon immer war der Sportpsychologe eine spontane und intuitive Person gewesen. Deshalb dachte er sich: Wenn nicht jetzt, wann sollte ich dann nach Syrakus spazieren? Als «Spaziergang» beschreibt er seine Reise auch heute noch. Die Umstände für eine solche passten. Er konnte sich bei der Arbeit für längere Zeit freinehmen. «Die Gegend um Syrakus hat mich ohnehin interessiert und ich reise für mein Leben gerne», sagt der 45-Jährige heute. Die Kollegen hätten schon gefragt, warum er so lange Ferien habe. «Für einen komischen Vogel hielt mich aber niemand.» Auch sein Sohn bewunderte ihn für sein Vorhaben. Für die lange Reise stellte der 15-Jährige seinem Papi eine Aufgabe: Scherz sollte sich die ganze Wanderung lang nicht rasieren. Der Basler lief also 38 Tage durch und liess sich währenddessen einen Bart wachsen.

Die einzige Person, die ein wenig an der Idee zweifelte, war seine Mutter. Wie Scherz schmunzelnd erzählt, habe sie sein psychisches Wohlbefinden angezweifelt und gefragt, ob er denn einen «Vogel» habe, als er ihr erzählte, dass er in wenigen Tagen auf eine sehr lange Reise gehen würde. Auch seine Freundin fand den Vorschlag zunächst nicht ganz so prickelnd. Schlussendlich wanderte sie aber sogar drei Tage lang mit.

In der weiten Wildnis Italiens

Vor der Reise habe er gar nicht lange überlegt oder geplant. Er sei einfach losgelaufen. Auch bei der Route war er eher spontan. «Ich habe einfach bei Google Maps die Route von Oberwil nach Syrakus berechnen lassen und das dann ausgedruckt.» Wichtig war, mit möglichst leichtem Gepäck zu reisen und immer genügend zu trinken. Das Zelt packte er zwar mit ein, übernachtete nach Möglichkeit jedoch in Hotels, Jugendherbergen oder Bed-and-Breakfast-Unterkünften. «Wer schläft nicht gerne in einem Bett», sagt er mit einem Augenzwinkern. Vor Antritt des Marsches suchte er einige schöne Wanderwege heraus. Er wollte schliesslich nicht 1683 Kilometer an Strassen entlang laufen. «Dann bin ich losgelaufen.»

Während seiner Reise fielen ihm viele Unterschiede zu seiner Heimat auf: «Hier in der Schweiz haben die Leute meist eine ganz dünne Schicht Anstand. Wenn man sie abkratzt, werden sie sehr schnell sauer und nervös.» Auch wenn er fast kein Italienisch spricht, sei er mit sehr vielen Leuten in Kontakt gekommen. Mit Händen und Füssen. Andere Wanderer habe er nicht viele getroffen. Das eine oder andere Mal lernte er aber Velo-Fahrer kennen, die das gleiche vorhatten wie er.

Viele Einheimische seien auf ihn zugekommen und hätten ihn gefragt, ob sie ihn irgendwohin bringen könnten. Manche waren erstaunt, wenn er daraufhin sagte, dass er freiwillig so weit laufe. Auch sonst habe er viele hilfsbereite und offene Menschen getroffen. «Einmal hat ein Mann mich zu sich nach Hause eingeladen. Dort habe ich dann mit ihm, seiner Frau und seiner kleinen Tochter zu Abend gegessen.» Aber nicht nur mit Menschen hatte Scherz schöne Erlebnisse. In einer Stadt fand er eine tierische Freundin: Eine Hündin, die er später Bella taufte, lief ihm hinterher. Zuerst fand er dies lustig und freute sich über die Begleitung. Als sie ihm nach 80 Kilometern jedoch immer noch nicht von der Seite wich, wich auch die Freude.

«Sie lief die ganze Zeit auf die Strasse und verursachte Vollbremsungen und riesige Hupkonzerte.» Er wurde sie nicht los. Selbst als er sich in einer Bar eine Pause genehmigte, wartete sie solange, bis er wieder raus kam. Als er den Hund schliesslich auf einer Polizeiwache abgeben wollte, lief sie davon. Im Nachhinein ist Scherz froh darüber, auch wenn er in diesem Moment ein wenig dumm da gestanden sei. So ganz ohne Hund, den er eigentlich hatte abgeben wollen. «Man weiss ja nie, was mit ihr bei der Polizei passiert wäre.»

Abenteuerliche Facebook-Posts

Während seinen langen Wanderungen hatte er viel Zeit, um nachzudenken. Langweilig wurde ihm aber nie, meist war sein Kopf leer und er genoss die schöne Umgebung und die Freiheit. «Ich habe alles sehr aufmerksam wahrgenommen und im Moment gelebt. Das habe ich vielleicht auch ein wenig für meinen Alltag mitgenommen.» Das Alleinsein habe ihm nichts ausgemacht. Er sei zwar ein Mensch, der gerne in Gesellschaft ist. Einfach mal auf sich allein gestellt zu sein, habe ihm jedoch auch gutgetan.

Seine gesamte Reise dokumentierte Scherz auf Facebook. Fast jeden Tag postete er Fotos von seinen langen Wanderungen und fand damit einige Bewunderer. «Freu mich auf die Storys, die du zu erzählen hast» oder «Gratulation und Respekt» schrieben Freunde unter seinem finalen Post. Auch die Familie freute sich über die regelmässigen Beiträge.

Als er schliesslich nach gut fünf Wochen ankam, fühlte er sich anders als erwartet. «Ich war ganz ruhig und zufrieden mit mir selbst.» Das erwartete Adrenalin und die Party blieben aus. Ein Bier zur Feier des Tages gab es aber doch.