Eigentlich kämpft Jürg Wiedemann gegen Drückeberger, Faulenzer, Schulschwänzer. Der Landrat der Grünen, der als Sekundarlehrer in Allschwil aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpft, hat es auf die sogenannten Jokertage abgesehen. Diese ermöglichen es Schülern der Primar-, Sekundar- und Gymnasialstufe in Baselland, dem Unterricht ohne Begründung fernzubleiben. «Die Schüler setzen die Jokertage oft just vor Notenabschluss ein und drücken sich vor Prüfungen», sagt Wiedemann.

Ende März ist nun seine Motion im Landrat traktandiert. Diese fordert schlicht und einfach, den entsprechenden Buchstaben aus dem Bildungsgesetz zu streichen. «Damit bestraft Jürg Wiedemann auch jene Kinder und Eltern, die die Tage immer vernünftig eingesetzt haben», sagt SVP-Landrätin Caroline Mall. Als Mutter unterstütze sie das Instrument der Jokertage. Die Schulräte hätten genug Möglichkeiten, den Missbrauch mit zusätzlichen Regeln einzuschränken. «Wenn Allschwil Probleme hat, ist es selbst schuld.» Und: «Schulschwänzen kann man damit ohnehin nicht verhindern.»

Wiedemann seinerseits ist überzeugt, dass die Jokertage es den Schülern erleichtern zu schwänzen, eben weil sie gar keine Ausreden suchen müssen. Dabei betont er: «Mir geht es nicht darum, den Kindern freie Tage zu stehlen.» Er selbst habe in zehn Jahren als Lehrer keinem seiner Schüler den Wunsch nach einem ausserordentlichen freien Tag verwehrt. Aber: «Man musste ihn immer schriftlich begründen. Das macht einen grossen Unterschied.» Im Speziellen hat Wiedemann nichts dagegen, wenn Familien einen Tag früher in die Ferien verreisen wollen: «Dann läuft im Unterricht leider oft eh nicht mehr viel.»

Front zwischen Lehrern und Eltern

Was augenfällig ist: Die Front verläuft zwischen Lehrern und Eltern hindurch. Während für Erstere die Absenzen den Unterricht durcheinanderbringen, ermöglichen sie Letzteren günstigere Flugbuchungen oder wichtige familiäre Anlässe unter der Woche. Dementsprechend erwarten Wiedemann wie Mall eine hitzige Landratsdebatte mit offenem Ausgang.

Als tragbarer Kompromiss könnte sich am Ende erweisen, die Motion in ein Postulat umzuwandeln. Das würde der Regierung ermöglichen, das Anliegen zu prüfen und andere Verbesserungsvorschläge zu machen. Auf Anfrage lässt die Bildungsdirektion (BKSD) diese Option denn auch durchblicken: «Die BKSD steht dem Anliegen des Vorstosses offen gegenüber und wäre jetzt, zwölf Jahre nach Einführung des Bildungsgesetzes, auch zu einer Standortbestimmung bereit», so die schriftliche Antwort.

Ein Postulat könnte sich sogar Mall vorstellen. Dies, um statt einer Streichung eine Anpassung vorzunehmen. Momentan verstösst nämlich jede Schule, die eine Begründung für die Joker-Absenz verlangt, gegen das Bildungsgesetz. Mall: «Das ist in der Tat ein heikler Punkt.» Wiedemann wäre auch einverstanden, wenn der Kanton künftig mehr vorgeben würde, um die Unterschiede zwischen den Schulen zu verkleinern. Das hingegen kommt für Mall nicht infrage: «Das wäre ein Eingriff in die Autonomie der Schulräte.»