Der Wolf im Baselbiet? Was für viele undenkbar ist, ist für die Fachwelt alles andere als abwegig. Dies erst recht, seit im Mai im Kanton Neuenburg zum ersten Mal ein Wolf im Schweizer Jura genetisch nachgewiesen werden konnte. Speichelproben haben ergeben, dass es sich um ein Tier aus der italienisch-französischen Population handelt.

Wolf-Fachmann Ralph Manz sagt: «Der Jura und somit auch das Baselbiet ist geeignet für den Wolf, denn er weist alles auf, was der Wolf braucht: grosse, zusammenhängende Wälder, Beutetiere und ein bisschen Ruhe, um die Jungtiere aufzuziehen.»

Vielleicht war der Wolf schon hier

Manz ist bei Kora für das Wolfmonitoring zuständig; Kora wiederum ist jene Organisation, die sich in der Schweiz um die Forschung und das Management von Grossraubtieren kümmert. Manz betont, dass der Wolf immer wieder für Überraschungen gut sei. Deshalb sei alles Spekulation, was nicht zu 100 Prozent auf Fakten abgestützt sei. So einer sei, dass sich die italienisch-französische Wolfspopulation in einer Ausbreitungsphase befinde, wovon seit 1995 auch die Schweiz betroffen sei. Doch wie diese Ausbreitung künftig verlaufe, sei eben - Spekulation.

Entsprechend offen antwortet Manz auch auf die Frage, wann denn der erste Wolf im Baselbiet auftauchen könnte: «Das ist vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Jahren, vielleicht war er aber auch bereits hier, ohne dass ihn jemand gesehen hat.» Mit Letzterem spielt Manz darauf an, dass vor zwei Jahren bei Köln ein Wolf ebenfalls aus der italienisch-französischen Population von einem Jäger illegal geschossen wurde, der auf seinem langen Weg auch das Baselbiet durchquert haben könnte.

Ähnlich wie bei Manz tönt es auch bei den andern angefragten Fachleuten. So sagt der Baselbieter Kantonstierarzt und Jagdverwalter Ignaz Bloch: «Es ist ein reales Szenario, dass der Wolf zu uns kommt. Der Zeitpunkt hingegen ist offen, das kann schon in den nächsten Tagen sein. Wölfe laufen grosse Strecken.»
Als Lebensraum würden sich wie beim Luchs das Blauen- und das Belchen-Passwang-Gebiet am besten eignen, sagt Bloch und fügt leicht skeptisch an: «Die Frage ist: Wie ist die Akzeptanz bei den Leuten und den Jägern, wenn der Wolf da ist? Vielen macht schon der Luchs Bauchweh.»

Ausgesprochen kein Bauchweh bereitet die wahrscheinliche Rückkehr des Wolfs bei Pro Natura. Mirjam Ballmer, die bei der grössten Schweizer Naturschutzorganisation für die Grossraubtiere verantwortlich ist, sagt: «Wir freuen uns, wenn der Wolf angestammte Lebensräume wieder zurück erobert. Er gehört auch in den Jura, wo er vor seiner Ausrottung Tausende von Jahren heimisch war.» Allerdings, so stimmt Ballmer in den Experten-Chor mit ein, sei es schwierig zu sagen, ob der unberechenbare Wolf morgen oder erst in fünf Jahren ins Baselbiet komme. Klar sei aber, dass seine Präsenz im Jura zunehmen werde.

Weber meldet Vorbehalte an

Wölfe sind anpassungsfähige Tiere, so auch bei der Nahrung. In der Schweiz jagen sie vor allem Rehe und Gämsen, verachten aber auch Schafe nicht. Die Schafhalter in den Alpen gehören denn auch zu den erbittertsten Wolfgegnern. Diese Problematik ist im Baselbiet zwar klein, aber nicht gleich null. Denn laut Bloch gibt es im Kanton rund 20 Schafhalter mit neunzig und mehr Tieren.

Vorbehalte gibt es denn auch beim obersten Verantwortlichen im Kanton in Sachen Wolf. Regierungsrat Thomas Weber sagt auf die Frage, was er als Volkswirtschaftsdirektor und Schafhalter von der Rückkehr des Wolfes halte: «Grundsätzlich ist die Frage bei uns nicht akut, aber von der Besiedlung und der landwirtschaftlichen Nutzung des Baselbiets her wäre das sicher problematisch.» Und Weber weiter: «Als Halter einer kleinen Schafherde stehe ich dem Thema natürlich eher skeptisch gegenüber, obwohl ich Wölfe, Bären und Luchse absolut faszinierende Tiere finde.»

Kora schätzt den Wolfsbestand in der Schweiz auf 15 bis 20. Dazu gehört auch ein kleines Rudel mit Nachwuchs am Calanda-Gebirgsstock nordwestlich von Chur, wofür es im letzten Jahr erstmals sichere Indizien gab. In den vergangenen Jahren wurden Wölfe regelmässig in den Kantonen Wallis, Bern, Freiburg, Graubünden, Tessin, Luzern und Obwalden nachgewiesen.