Sportklettern kam in den 1970er-Jahren als Trendsportart in den USA auf. Damals wurde es vorwiegend von Hippies betrieben und mit Werten wie Kreativität, Coolness oder Freiheit in Verbindung gesetzt. Heute findet es aber längst nicht mehr nur innerhalb von Subkulturen Anklang. Einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung hin zu einem Breitensport leisteten die Kletterhallen, deren Anzahl auch in der Schweiz in den letzten Jahren stetig zugenommen hat. Durch sie ist Sportklettern keine reine Outdoor-Aktivität mehr und massentauglich geworden.

In solchen Hallen, genauer gesagt im Impulsiv in Weil am Rhein und gelegentlich im B2 in Pratteln, trainiert die bald 12-jährige Lela Hentschel. Sie tut dies ungefähr zehn Stunden pro Woche. Obwohl es erst etwas mehr als zwei Jahre her ist, seit sie an einem Nachmittagskurs für Kinder zum ersten Mal mit einer Kletterwand in Berührung gekommen ist, vermochte sie im vergangenen Jahr den national hochkarätigen Mammut Youth Climbing Cup (MYCC) zu gewinnen. Die Allschwilerin führte deshalb die offizielle Schweizer Rangliste der Kategorie U12 an.

Bouldern bietet Spektakel

Der Climbing Cup besteht aus sechs Wettkämpfen, gleichverteilt auf die Disziplinen Bouldern, Speed und Lead, und erstreckt sich über ein ganzes Kalenderjahr. Während man beim Speed (standardisierte Route auf Zeit) und Lead (Schwierigkeitsklettern) gesichert ist, erfolgt das Bouldern ungesichert auf Absprunghöhe. Letzteres bietet den Zuschauern deshalb das grösste Spektakel. Lela bezeichnet das Bouldern denn auch als ihre bevorzugte Disziplin und begründet dies mit den «Dynamos» (Aufschwingen oder Sprung zu einem ansonsten nicht in Reichweite liegenden Griff) und dem «Hooken» (Einhaken mit der Ferse hinter einem Griff), ihren Lieblingsbewegungen beim Klettern.

Lela Hentschel bouldert am liebsten. Dabei darf auch das Säckchen mit Magnesia gegen rutschige Hände nicht fehlen.

Lela Hentschel bouldert am liebsten. Dabei darf auch das Säckchen mit Magnesia gegen rutschige Hände nicht fehlen.

«Ausserdem falle ich viel lieber auf die weiche Matte als in das blöde Seil», erklärt sie. Zu Beginn hatte sie sogar Angst vor dem Sturz ins Seil und traute sich beim Lead-Klettern deshalb manchmal nicht, riskante Griffe zu nehmen. Mithilfe ihres Trainers Esra Pohle vermochte sie diese Furcht jedoch zu überwinden. Pohle war es auch, der Lelas Talent als Leiter des eingangs erwähnten Kinderkurses entdeckte und ihren Eltern unmittelbar danach den Vorschlag unterbreitete, sie unter seine Fittiche zu nehmen.

Obwohl Lela bereits das zweite Jahr in Folge die Swiss Olympic Talent Card besitzt, die sie für die Aufnahme im Regionalkader qualifizieren würde, besteht die individuelle Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Deutschen nach wie vor. «Wir schätzen nicht nur Esra als Person, sondern auch die Qualität seines Trainings, insbesondere die fokussierte Betreuung in kleinen Gruppen», begründet ihr Vater Jens den Verbleib.

Zurzeit trainiert Lela mit der gleichaltrigen Schweizer Meisterin im Lead-Klettern, der Aargauerin Soraya Gisiger. Die Schweizer Meisterschaft wird in jeder der drei Disziplinen bei einem MYCC-Wettkampf ermittelt. Anhand der erreichten Punkte hätte sich Lela eigentlich sowohl im Lead als auch im Bouldern den Titel geholt. Da sie als deutsch-thailändische Doppelbürgerin keinen Schweizer Pass besitzt, hat sie diese Auszeichnungen nicht erhalten.

Lelas Vater bezeichnet dies angesichts der Tatsache, dass es in anderen Sportarten nicht so gehandhabt wird, als «unglücklich» und «der Integration von ausländischen Kindern abträglich». Die ohnehin in Erwägung gezogene Einbürgerung seiner ältesten Tochter soll deshalb so bald wie möglich beantragt werden. Auch im Hinblick auf Lelas Ziel, die Aufnahme in die ab der Kategorie U16 bestehende Nationalmannschaft, wäre der Schweizer Pass unabdingbar.

Klettern bald olympisch?

Langfristig gibt sich Lela noch ambitionierter: «Weltmeisterin werden», antwortet sie wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, was sie im Klettern erreichen will. Damit träte sie in die Fussstapfen ihres Vorbilds, der Boulder-Weltmeisterin Juliane Wurm. Letztes Jahr durfte sie die 25-jährige Deutsche an einem Wettkampf persönlich kennen lernen, und die Begeisterung steht Lela beim Erzählen im Gesicht geschrieben: «Juliane war cool, witzig und hat alle meine Fragen beantwortet.»

Wurm hat ihre Wettkampfkarriere allerdings beendet. Damit bleibt ihr verwehrt, was Lelas Generation vielleicht erleben darf: die Teilnahme an Olympischen Spielen. Da Ausrichterstädte neuerdings Sportarten zur Ergänzung des Programms vorschlagen dürfen, wäre es möglich, dass Sportklettern bereits in Tokyo 2020 olympisch sein wird. Im August wird das Internationale Olympische Komitee seinen Entscheid bekannt geben. Sollte Sportklettern den Zuschlag erhalten, würde es wohl in der Mitte der Gesellschaft ankommen und nicht mehr als Trendsportart gelten. Lela hätte dann neben dem Weltmeistertitel ein weiteres Ziel: Olympiasiegerin zu werden.