«Das tut mir weh», sagt Baumpflegespezialist Martin Müller, «dennoch ist es eine tolle Herausforderung, mit entsprechenden Massnahmen ein solches Monument erhalten zu können.» Die alte Sommerlinde bei der Lausner Kirche musste gestern einen Kronenerhaltungs- und Sicherungsschnitt über sich ergehen lassen. Ihre riesige Krone war ausgebrochen, wodurch der bereits instabile, gegen 300-jährige Baum zusätzlich geschwächt wurde.

Grundsätzlich müsste ein Baum in diesem Zustand – er ist auch vorgeschädigt mit Hohlstellen – gefällt werden, betont Müller. Erst recht, wenn er im öffentlichen Raum steht und somit ein Sicherheitsrisiko darstellt. Aber diese alte Linde ist ein Gigant; allein der Stamm hat einen Durchmesser von 1,65 Metern und weist einen Umfang von 5,20 Metern auf. Martin Müller schätzt, dass der ganze Baum 20 bis 25 Tonnen Material und mindestens 50 Kubikmeter Schnitzel abgäbe.

Ausnahmesituation

Die Lausner Linde hat im Baselbiet zwar eine spezielle Bedeutung, auch wenn – wie sie – fast keine Bäume im urbanen Raum mehr unter Denkmal- und Naturschutz stehen. Deswegen hat die Stiftung Kirchen- und Schulgut als Eigentümerin des Areals am Montag auf Vorschlag von Müller entschieden, auf eine Fällung des Baumriesen zu verzichten.

«Eine Linde ist sehr regenerationsfähig», weiss der 52-jährige Nusshöfer Baumpflegespezialist, der ein eigenes Unternehmen mit 13 Angestellten führt. Nun ist ein Kappschnitt durchgeführt worden, was in der heutigen modernen Baumpflege nur ausnahmsweise ausgeführt wird zum Erhalt eines solchen Exemplars. Aber darauf könne die Linde reagieren und mit den Jahren eine Sekundärkrone bilden, erklärt Martin Müller, der auch als Dozent in der Ausbildung von Baumpflegespezialisten tätig ist.

Und er stellt klar: «Physiologisch ist der Baum intakt, das Problem ist statischer Natur.» Die Linde habe eine normale Laubmasse, gute Blattgrösse und dichte Krone. Die Massnahmen sollen die Hebel reduzieren, damit bei Wind und Schneelast die Schwachstellen nicht mehr so stark belastet werden. Wo nötig werden Verankerungen angebracht. Laut Müller werden rund sieben Tonnen Material abgeführt, das zu Hackholz verarbeitet wird.

Martin Müller stellte fest, dass die Linde in Lausen vor etwa 30 Jahren und schon früher gekappt worden ist. Danach hätte eine konsequente Baumpflege betrieben werden müssen, aber man habe den Baum quasi dem Schicksal überlassen, kommentiert Müller. Dieser rät der Besitzerin, nach dem jetzigen drastischen Rückschnitt nach zwei Jahren einen Korrektur- und Aufbauschnitt durchführen zu lassen. Dann könne die Krone wieder aufgebaut werden. Danach sollte ein Schnittintervall von drei bis vier Jahren eingehalten werden.

«Oft nur das Minimum»

Der Nusshöfer gibt jedoch zu bedenken, dass eine Baumpflege stets Geld kostet, und zwar nicht wenig. «Sie ist aufwändig, und davor scheut man sich. Es wird oft nur das Minimum gemacht wie hier in Lausen.» Wenn die Linde nach den nun erfolgten Arbeiten gut reagiere, was er erwarte, werde sie uns überleben, ist der 52-Jährige überzeugt.

Müller kennt keine über 200 Jahre alte Linde, die vor derartigen Problemen verschont geblieben ist – und trotzdem weitergelebt hat. Zu den langfristigen Schäden kommen starke Schwankungen wie Temperaturen, Trockenheit und Nässe, auf die alte Bäume viel empfindlicher reagieren als junge und vitale.