Auf Jahresende endet auch die Geschichte des Baselbieter Milchmanns. Denn in Liestal, wo als letztem Ort im Kanton noch ein mutierter Milchmann namens Milchexpress durch die Quartiere tourt, wird in zwei Wochen ein Schlussstrich gezogen. Der Grund: Das elfjährige Milchexpress-Fahrzeug müsste vorgeführt werden, laut Hans Wüthrich, Geschäftsführer des Milchhüsli und der Landi Liestal, ein chancenloses Unterfangen, es sei denn, man stecke mehrere 10 000 Franken ins Fahrzeug.
Und das will Wüthrich nicht, denn bereits jetzt sei der Milchexpress, der ein Innenleben wie die früheren Migros-Wagen hat - nur alles en miniature - ein Defizitgeschäft. Wüthrich sagt: «Aus wirtschaftlichen Gründen bin ich nicht traurig übers Ende, denn wir konnten den Milchexpress nur noch dank Quersubventionen aus unsern Liegenschaften am Leben halten. Aber es geht halt auch wieder ein Stück Kultur verloren.»

Hausfrauen kommen nicht mehr

Das Liestaler Milchhüsli, ein als Genossenschaft der Milchbauern aus der Umgebung organisierter Betrieb, hat vor ein paar Jahren schon seine Funktionen als Milchannahmestelle und Milchverarbeiter verloren. Und der Milchmann, der als Milchhüsli-Ausläufer die Milch zu den Kunden brachte, war eine schätzungsweise hundertjährige Tradition.

Schätzungsweise deshalb, weil niemand so genau die Anfänge kennt. Aber ein Bild, das aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts stammt, zeigt einen Ur-Milchmann mit Karren und Milchbehälter drauf. Später wurde die Milch mit Ross und Wagen verteilt und ab den 1950er- Jahren mit den legendären, elektrisch betriebenen Milchautos, die hinten offen waren. Mit diesen Vehikeln fuhren die Milchmänner praktisch alle Liestaler Quartierstrassen ab, pfiffen bei jedem Halt mit einer Trillerpfeife und die Hausfrauen strömten herbei.

Aber dieser Strom verebbte zusehends. So hat sich der Umsatz des Milchexpress in den letzten 20 Jahren halbiert, obwohl mit Hansruedi Wyss stets der gleiche Fahrer unterwegs war. Heute betrage der Tagesumsatz um die 2000 Franken, sagt Wüthrich. Und mit der Bruttomarge von 20 Prozent, also 400 Franken, müssten der Lohn und die Sozialleistungen für den Chauffeur, die Fahrzeugkosten und die ganze Administration im Hintergrund gedeckt werden, rechnet er vor und meint: «Das geht nie und nimmer auf.» Der Grund für den Schwund ist für Wüthrich klar: die veränderten Präsenzzeiten der Frauen zu Hause und das veränderte Einkaufsverhalten.

«Superstelle für Arbeitslosen»

Wüthrich wollte aber den Milchexpress nicht ersatzlos beerdigen, vor allem wegen der älteren Kunden, die nicht mehr so gut zu Fuss sind. Er suchte nach einer Ersatzlösung und wurde bei der Velostation Liestal (siehe Kasten) fündig. Smadah Levy von deren Geschäftsleitung sagt: «Wir ersetzen den Milchexpress durch unsern Einkaufs- und Hauslieferdienst. Wenn das klappt, gibt das eine Superstelle für jemanden ohne Chancen im ersten Arbeitsmarkt.»

Und so soll das künftige Modell aussehen: Der Kunde schickt seine Bestellung per Fax oder Mail ans Milchhüsli oder er vereinbart mit der Velostation einen Termin, wann diese seinen ausgefüllten Bestellschein bei ihm zu Hause abholen kommt. Eine Person der Velostation kauft dann die gewünschten Produkte im Milchhüsli ein und stellt die Einkaufstasche zum Abholen und Heimbringen durch den Velokurier bereit, so wie der Hauslieferdienst auch mit einem Dutzend weitern Liestaler Geschäften funktioniert.

Bedingung ist allerdings, dass der Kunde bei der Velostation die Jahresvignette von 150 Franken für den Hauslieferdienst kauft. Per Ende Monat schickt dann das Milchhüsli dem Kunden jeweils eine Rechnung für die getätigten Einkäufe, wobei pro Lieferung sechs Franken für den Zusatzaufwand berechnet werden. Dieser neue Service wird nicht nur für Liestal, sondern auch für die umliegenden Orte Bubendorf, Frenkendorf, Füllinsdorf, Lausen und Seltisberg angeboten. Und die Waren werden wie bei den Vorgängermodellen des Milchexpress wieder elektrisch geliefert, denn die Kuriere transportieren die bis maximal 20 Kilogramm schweren Einkäufe per Elektrobike und Anhänger.