Als Monica Gschwind am 8. Februar 2015 einen Blumenstrauss in die Hand gedrückt bekam, jubelten nicht nur die Baselbieter Bürgerlichen. Auch beim Komitee Starke Schule Baselland kannte die Euphorie über die Wahl der Freisinnigen in die Regierung keine Grenzen. Schliesslich hatte das Komitee mit einer eigenen Plakat-Kampagne für Gschwind als neue Bildungsdirektorin geworben.

Starke-Schule-Kopf Jürg Wiedemann nahm für die Unterstützung Gschwinds sogar den Bruch mit seiner Partei, den Grünen, in Kauf. Die Erwartungshaltung war klar: Dank Gschwind auf dem Thron und dem Ende der Regentschaft des Sozialdemokraten und Harmos-Befürworters Urs Wüthrich sollte Baselland das Feinbild Nummer eins der Starken Schule beseitigen: den Lehrplan 21. Noch am Wahlsonntag sagte Komitee-Geschäftsleiterin Saskia Olsson: «Wir hoffen, dass nicht mehr so viele Initiativen nötig sein werden, um unsere Ziele zu erreichen.»

Kompromisslose Starke Schule

Zeitsprung. Vergangenen Donnerstag reichte die Starke Schule ihre neuste Initiative ein – ihr mittlerweile zwölftes Volksbegehren. Dieses Mal möchte das Komitee erreichen, dass in den Stufenlehrplänen der Volksschulen «ausschliesslich Stoffinhalte und Themen» vorkommen und keine Kompetenzen wie im Lehrplan 21. Doch weshalb sind noch immer Initiativen nötig, jetzt, da Gschwind regiert? Die Antwort ist einfach: Gschwind möchte, dass «die Schulen zur Ruhe kommen» und strebt tragfähige Kompromisse an, die Starke Schule hingegen will laut Olsson «die gesamte Unterrichtsphilosophie des Lehrplans 21 bekämpfen». Ohne Kompromisse.

Das passt nicht zusammen. Gegenüber der bz nimmt Gschwind Abstand: «Offenbar braucht das Komitee Starke Schule noch mehr Zeit, um zu verstehen, dass ein Miteinander besser ist als ein Gegeneinander.» Schliesslich hätten 21 Kantone den Lehrplan gemeinsam erarbeitet, der auf Kompetenzen basiert und die Methodenfreiheit der Lehrer garantiere. «Mit diesem starken gemeinsamen Weg sollten wir sorgsam und respektvoll umgehen», so Gschwind.

Die Stoffinhalts-Initiative hält die FDP-Bildungsdirektorin für schlicht überflüssig, da eine ähnliche Motion schon im Landrat überwiesen wurde. Für das Komitee hingegen ist es das Volksbegehren, das den Lehrplan 21 und dessen Philosophie definitiv begraben könnte, weil ihm ohne verpflichtende Kompetenzen die Basis entzogen würde. Bloss: Das Komitee dürfte die Wirkung überschätzen. «Diese Ansicht teile ich keineswegs», enttäuscht Gschwind die Hoffnung der Starken Schule, dass ohne Kompetenzen automatisch auch selbstorganisiertes Lernen und Lernlandschaften verschwinden müssten.

Gschwind tadelt das Komitee

Sollten sich Lernlandschaften verbreiten – zur Zeit gibt es bloss Pilotprojekte in Pratteln und Frenkendorf –, behält sich Olsson weitere Initiativen vor, wie sie der bz sagt. Doch das könnte für Gschwind das Fass endgültig zum Überlaufen bringen. Denn die Bildungsdirektorin hält klipp und klar fest: «Sollten weitere Initiativen gegen den Lehrplan 21 folgen, widerspricht dies dem Ziel zahlreicher Anspruchsgruppen aus dem Bildungswesen – so auch meinem persönlichen Ziel –, dass die Schulen endlich zur Ruhe kommen.» Die anderen Gruppen zögen trotz unterschiedlicher Meinungen an einem Strang. «Dass sich das Komitee diesem konstruktiven Weg noch nicht anschliessen will, bedaure ich sehr.»

Diese Kritik Gschwinds reiht sich nahtlos ein in mehrere Unmutsbekundungen der letzten Monate. Schon im Juni warnte sie etwa davor, zu den Stoffinhalten des Lehrplans eine Initiative zu lancieren. Dies sei «nicht zielführend», kritisierte sie in der bz. Damals wiegelte Wiedemann ab, dass die Chancen, dass man die Initiative lanciere, bloss bei 50:50 stünden. Nur einen Monat später stand sie im Amtsblatt. Und im November 2015 tadelte Gschwind das Komitee dafür, sich mit politischer Werbung per Massenversand an die Baselbieter Lehrerschaft zu wenden.

Gschwind versucht also schon länger, auf Distanz zu ihren Wahlhelfern zu gehen. Doch die Starke Schule lässt sie nicht aus ihren Fängen. Zu sehr hat das Komitee Gschwind vor den Wahlen als Heilsbringerin für die Baselbieter Bildungslandschaft hochstilisiert. Einzugestehen, dass es doch grundlegende Differenzen gibt, käme einem Gesichtsverlust gleich. Auch an der Pressekonferenz vergangenen Donnerstag versäumte es Olsson nicht, Gschwind über den grünen Klee zu loben. Dank ihres Einsatzes hätte die Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz ihre Haltung geändert und den Kantonen mehr Freiraum in der Umgestaltung des Lehrplans 21 zugestanden. Und nur deswegen könne das Komitee nun die Initiative zum Ausstieg aus dem Harmos-Konkordat zurückziehen (bz berichtete).

Doch Gschwind zerpflückt dieses Argument gleich selbst: «Bereits bei der Auftragserteilung zum Lehrplan 21 haben die Kantone eine Vorlage bestellt, die sie den kantonalen Bedürfnissen anpassen können.» Die Kantone waren also schon immer in der Umsetzung frei. Gar nichts hält Gschwind davon, sich instrumentalisieren zu lassen: «Ich bin unabhängig und gehe meinen eigenen Weg.»

Ist alles bloss Taktik?

Die Starke Schule lässt sich dadurch nicht abschrecken. Für Wiedemann ist der Fall klar: «Monica Gschwind muss sich als Regierungsrätin von der Starken Schule loslösen und vorhandene Differenzen betonen, damit sie den Reformstopp gezielter durchsetzen kann. Das ist sicher ein kluges Vorgehen von ihr.» Will heissen: Gschwind braucht die Extremposition der Starken Schule taktisch, um in den Verhandlungen mit den reformfreundlichen Kräften der SP Kompromisse schliessen zu können. «Das hat bislang erstaunlich gut geklappt», freut sich Wiedemann.

Er betont, dass es in den bildungspolitischen Kernfragen bloss wenige Differenzen zwischen ihm und Gschwind gäbe. Und er gibt Einblick in die Zusammenarbeit: «Monica Gschwind wollte die Harmos-Ausstiegsinitiative vom Tisch haben. Dieses Anliegen haben wir ihr mit dem Rückzug erfüllt. Auch sonst hat sie durchaus Einfluss auf die Starke Schule.» Wiedemann sagt überdies, dass er trotz einzelner Meinungsunterschiede noch nie ein negatives Gespräch mit Gschwind hatte.

Parteikollege erklärt Dilemma

Ist die Beziehungskrise also bloss ein Kabarett, eine Täuschung der Öffentlichkeit, um getrennt, aber eigentlich mit vereinten Kräften die Reformen zu stoppen? «Das ist bloss Wunschdenken der Starken Schule», sagt Heinz Lerf. Der Liestaler Landrat beobachtet die Situation als Parteikollege Gschwinds und in der Bildungskommission. Zwar gebe es tatsächlich Parallelen in der Bildungspolitik, sonst hätte Gschwind nicht in mehreren Initiativkomitees der Schulreformgegner mitgemacht (siehe Kasten rechts oben). «Handlanger der Starken Schule ist sie aber sicher nicht», stellt er fest. Ihr Unmut darüber, dass das Komitee mit den vielen Initiativen ihre Bemühungen torpediere, Ruhe in die Schulen zu bringen, sei keinesfalls gespielt.

Die Kernfrage lautet für Lerf: «Braucht Monica Gschwind wirklich einen ‹Partner›, der ihr derart dazwischenfunkt?» Seine persönliche Antwort ist eindeutig: «Eigentlich müsste man die Beziehung auf Eis legen.» Doch das sei für Gschwind nicht so einfach. «Sie befindet sich im Zwiespalt, weil das Komitee bei ihrer Wahl mithalf», ist Lerf überzeugt. Deshalb wolle sie keinen vollständigen Bruch. Auch bestünde sonst die Gefahr, dass das Komitee mit einer Jetzt-erst-recht-Haltung mit noch mehr Aktivismus reagieren könnte.

Tatsächlich möchte Gschwind die Starke Schule nach wie vor einmal pro Quartal treffen: «Im Bildungswesen findet zunehmend eine Annäherung unter den verschiedenen Anspruchsgruppen statt. Ich bleibe dabei: Miteinander zu handeln ist besser als gegeneinander zu sein. Natürlich werde ich deshalb mit dem Komitee weiterhin gerne sprechen und argumentieren, wenn es um ein politisches Geschäft geht.» Das versteht auch Lerf. Doch hält er fest: «Folgen noch weitere Störfeuer der Starken Schule, sollte Monica Gschwind den Bruch irgendwann in Kauf nehmen.»