Rund 70 Tonnen Cenovis streichen sich die Schweizer jährlich aufs Brot. Die würzig-salzige Paste aus Arisdorf ist heuer seit 80 Jahren auf dem Markt und gilt als so schweizerisch wie das Sackmesser. Sie ist ein Kind der Krise der 1930er-Jahre: Der Salmenbräu-Braumeister Alex Villiger suchte in Zeiten der Knappheit nach Wegen, die Nährstoffe der beim Brauen anfallenden Hefe zu verwerten. Er entwickelte aus Bierhefe, Gemüse und Salz ein vitamin- und mineralstoffreiches Konzentrat, das als Brotaufstrich bald auf Schweizer Frühstückstischen und als Würze in den Küchen Einzug und zeitweilig auch in der Notration der Armee Aufnahme fand.

Organisatorisch litt die Cenovis AG von Beginn an unter Zersplitterung. Neben sieben Brauereien zählten die Dr. Wander AG oder die Cellulose Attisholz AG zum Aktionariat. Die Brauereien wollten ihr Nebenprodukt verwerten, Wander sich den Heferohstoff für die Ovomaltine sichern und Attisholz war am Nährmittel-Know-how interessiert. Die Cenovis AG produzierte zwar in Rheinfelden die Paste, doch den Vertrieb übergab man der Getreideflocken AG in Lenzburg.

Export verbaut

Als Fehlentscheid stellte sich später heraus, dass in den 60er-Jahren die Auslandmarkenrechte an die Hügli-Gruppe in Steinach verkauft wurden. So findet man heute unter der Marke Cenovis Päckchensuppe in deutschen Reformhäusern und auf Youtube einen Werbespot für Cenovis-Fischölkapseln des Pharmakonzerns Sanofi-Aventis. «Unter ihrer eigenen Marke könnten wir deshalb die Ur-Cenovis nur mit fremder Erlaubnis exportieren», bedauert Christian Reimann, Inhaber und Geschäftsleiter der Cenovis AG. Man habe sich zwar für den allfälligen Export die Marke SwissCeno gesichert. «Doch unsere Ressourcen reichen derzeit nicht, im Ausland eine Marke neu aufzubauen.»

Reimann kennt Cenovis seit den 80er-Jahren, als eine Innerschweizer Holding die Firma kaufte und den Vertrieb einer Zürcher Tochter übertrug. Reimann wurde mit der Weiterentwicklung der Produktion beauftragt. 1993 gründet er die Sonaris AG, die in Rheinfelden den Hefeaufstrich produzierte, während die Inland-Markenrechte weiter bei der Cenovis AG lagen. Diese komplizierte Struktur bestand auch dann weiter, als 1999 drei Genfer Unternehmer die CenovisAG übernahmen und den Firmensitz nach Genf verlegten, die Produktion jedoch bei Sonaris in Rheinfelden und das Marketing bei Gerig in Zürich beliessen. In die Genfer Zeit fielen Marken-Relaunchs und Anstrengungen, das Produkt besser zu verankern.

Endlich unter einem Dach

2008 konnte Reimann mit der fünf Jahre zuvor nach Arisdorf umgezogenen Sonaris die Cenovis AG kaufen und plant nun, die beiden Firmen, die operativ eine Einheit bilden und ein gutes Dutzend Mitarbeitende beschäftigen, zu fusionieren. 2009 hat er auch den Vertrieb ins eigene Haus geholt und eine Marktstudie machen lassen. Ergebnis: In der Romandie kennen drei Viertel, in der Deutschschweiz aber nur 28Prozent der Befragten Cenovis. «Unser Ziel ist, in der Deutschschweiz den gleichen Bekanntheitsgrad wie in der Romandie zu erreichen», erklärt Reimann. Dafür setzt er im Jubiläumsjahr neben Plakaten darauf, an Verbrauchermessen wie der Muba mit Cenovis-Schnittchen die Konsumenten direkt anzusprechen. «Wir wollen zeigen, wie wenig man von dem Konzentrat aufs Butterbrot streicht.»

Die Einzigartigkeit des Produkts – nur ein britisches und ein australisches Produkt sind vergleichbar, aber auf dem Schweizer Markt praktisch unbekannt – setzt Grenzen: Eine Änderung des als Betriebsgeheimnis gehüteten Rezepts dürfte beim Verbraucher schlecht ankommen. Als Flüssigwürze ist Cenovis mit einer Jahresproduktion von 30Tonnen bereits auf dem Markt. Und die Bio-Schiene scheitert am Rohstoffmangel, da zu wenig Bio-Bier gebraut wird. Reimanns Ausweg: «Wir lancieren bis in zwei Jahren ein Convenienceprodukt, indem wir Cenovis als fertigen Brotaufstrich auf den Markt bringen, der die Butter bereits enthält.»