Johannes Czwalina war sich für einmal nicht sicher. Der wortgewandte Riehener Unternehmensberater, dessen Beruf es ist, Erfolg zu predigen, zweifelte – zumindest ein bisschen. Kurz nach der Eröffnung seiner Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs Ende Februar konnte er nicht abschätzen, wie sich die öffentlich ausgetragene Schlammschlacht um Wissenschaftlichkeit mit der Universität Basel auf sein Herzensprojekt auswirken würde. «Ich habe durchaus auch mit negativen Reaktionen gerechnet», sagt Czwalina rückblickend.

Dass aber auch negative Schlagzeilen Interesse wecken, zeigt sich an den ersten Besucherzahlen: In den ersten fünf Wochen fanden laut Czwalina rund 1000 Menschen den Weg zum alten Riehener Bahnwärterhäuschen an der Inzlingerstrasse 44. «Das übertrifft all unsere Erwartungen», freut sich der 58-Jährige. Bis zum Jahresende rechnen er und Mitinitiant Rudolf Geigy «selbst bei abnehmendem Interesse» mit 10000 Besuchern.

Fokus auch auf andere Flüchtlinge

Bei der Eröffnung sorgte sich vor allem Geigy auch um die Sicherheit des Mahnmals und befürchtete Schmierereien (die bz berichtete). Obwohl das Gebäude täglich von neun bis 17 Uhr ohne Absicherung offen steht, blieb es aber ruhig. «Weder wurden die Kunstwerke verschandelt, noch ausgestellte Bücher geklaut», sagt Czwalina. Man hätte sogar einige thematische Sachbücher verkaufen können. Aufgrund des Erfolges plant er nun einen schrittweisen Ausbau der Gedenkstätte. Neben weiteren Zeitzeugenberichten, die nach und nach hinzugefügt werden, schweben Czwalina Sonderausstellungen im ersten Stock des Bahnwärterhäuschens vor: «Dort könnten wir den Fokus von den jüdischen auf andere betroffene Flüchtlingsgruppen ausweiten.»

Die Beschränkung auf das Schicksal der Juden war einer der Kritikpunkte am privaten Projekt. Czwalina hofft denn auch, dass die Historiker der Universität nun wieder einsteigen und ihn unterstützen. Für deren Wortführer Erik Petry ändert dies allerdings gar nichts: «Wir verfolgen unser Museumsprojekt der Flüchtlingsgeschichte Zweiter Weltkrieg weiter. Was die Herren Czwalina und Geigy machen, tangiert uns nicht.»

Viele Deutsche und Beyeler-Gäste

Letzte Woche erstmals vor Ort war der Riehener Gemeindepräsident Willi Fischer – auf Einladung der beiden Hausherren: «Ich werde dem Gesamtgemeinderat vorschlagen, die Gedenkstätte ebenfalls zu besichtigen, damit jeder der Exekutive sich ein eigenes Bild zur Kontroverse machen kann.» Zum viel kritisierten Bronze-Relief im Stallanbau möchte sich Fischer als «Nicht-Fachmann» nicht äussern. Die Riehener Journalistin Lukrezia Seiler kann als Autorin des Buches «Fast täglich kamen Flüchtlinge» zwar als Fachfrau bezeichnet werden, doch auch sie hält sich zurück: «Die Gedenkstätte ist ästhetisch gesehen schön geworden, aber wissenschaftlich ist sie nicht», so die 76-Jährige.

Vom Ansturm hat Fischer derweil wenig mitbekommen. So seien praktisch keine Reaktionen aus der Bevölkerung zu ihm vorgedrungen – weder positive noch negative. «Im Gästebuch habe ich gesehen, dass viele Besucher des Beyeler-Museums auch noch bei der Gedenkstätte vorbeigeschaut haben», stellt der Gemeindepräsident aber fest. Dazu kämen deutsche Grenzgänger, die wahrscheinlich beim Vorbeifahren das Plakat sehen. Czwalina dagegen betont, dass auch viele Riehener gekommen seien: «Dass wir nach all der Kritik auf so grosse Akzeptanz stossen, hat selbst mich überrascht.» Er sehe darin einen Vertrauensbeweis der Bevölkerung.