Zu Besuch in der Vogelpflegestation Ziefen: Leiter Franz Martin öffnet ein Gehege, und in der Türöffnung kommt ein mittelgrosser dunkler Vogel zum Vorschein, der schon ungeduldig darauf wartet, aus seinem Quartier gelassen zu werden.

Mit grossen Schritten macht sich der Vogel auf den Weg durch den Garten, versucht dabei aber gar nicht erst zu fliegen. «Das ist Joggeli, ein Schwarzer Milan. Er kann seit einem Verkehrsunfall nicht mehr fliegen und bekommt von uns schon viele Jahre das Gnadenbrot», erklärt Martin.

Joggeli ist eine Ausnahme. Denn normalerweise werden verunglückte Wildvögel in der Vogelstation Ziefen gesund gepflegt und wenn möglich wieder in die Wildbahn freigelassen. Dort lauern dann viele Gefahren auf die Vögel, zum Beispiel gefrässige Katzen, Autos oder Krankheiten.

Franz Martin und seine Frau Alice widmen sich nun seit 34 Jahren dieser Aufgabe. «Der kantonale Vogelschutzverband kam damals auf mich zu mit der Idee, dass ich eine Vogelpflegestation eröffnen könnte. Ich hatte nämlich schon vorher grosse Volieren für meine Ziervögel im Garten stehen», erinnert sich der passionierte Vogelkenner. Seine Papageien sind auch heute noch neben den Wildvögeln einquartiert und schreien, wenn Fremde die Pflegestation betreten.

«Ein Hobby» nennt Martin, der früher als Laborant gearbeitet hat, seine Vogelstation. Es sei aber ziemlich zeitintensiv, bemerkt seine Frau. Zum Beispiel wenn Jungvögel abgegeben wurden, die stündlich gefüttert werden mussten. Die ganze Familie habe sich dieser Aufgabe gewidmet. Der grosse Garten der Martins beherbergt viele geräumige Volieren. «Wir haben sie alle selbst finanziert und gebaut», bemerkt der Vogelstationsleiter.

In einer dieser Volieren ist aktuell ein Mäusebussard beherbergt, der vor zwei Wochen abgegeben wurde. «Sein Flügel ist verletzt», erläutert Franz Martin. Bald könne der Greifvogel aber wieder fliegen. In einem anderen Gehege ist ein Sperber zu Gast, ebenfalls mit einem verletzten Flügel. «Eine Sensation», wie Martin bemerkt. Der Sperber sei ein sehr schneller Jäger, der auch andere Vögel fressen würde. «Fast alle Greifvögel, die wir pflegen, verlassen wieder gesund die Station», sagt der Fachmann stolz.

Bei kleineren Vögeln liege die Erfolgsquote bei rund einem Drittel. «Sie zu pflegen, ist sehr kompliziert. Wir haben aber fast 40 Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet.» Momentan ist eine Amsel in der Vogelstation einquartiert, die bald wieder freigelassen werden könne. Letztes Jahr haben die Martins 113 Vögel, die zu 29 verschiedenen Arten gehörten, erfolgreich gepflegt.

102 Vögel schafften es leider nicht und verstarben oder mussten eingeschläfert werden. Der gesamte Pflegeaufwand betrug 2074 Pflegetage. Damit die gefiederten Gäste optimal ernährt werden können, züchtet Franz Martin selbst Mehlwürmer und Grillen und hat ein eigenes Rezept für die Vogelnahrung entwickelt.

Während der Führung bemerkt Martin eine Elster auf einem Baum im Garten: «Wir haben sie vor Kurzem freigelassen.» Es komme häufig vor, dass die frei gelassenen Pfleglinge sich zuerst noch ein paar Tage in der Vogelstation aufhielten, bevor sie dann ganz wegfliegen.

Seit diesem Jahrbekomme seine Vogelstation keine finanzielle Unterstützung mehr vom Kanton, erzählt Martin. «Es ist schade, wenn Menschen, die wie ich ein privates Engagement zeigen, nicht unterstützt werden», bedauert er. Dabei sei seine Arbeit im Interesse der Öffentlichkeit. «Wir haben eine Verantwortung übernommen und werden die Vogelstation weiterführen, solange wir können.»