Frau von Bidder, der Bosnien-Krieg ist seit 17 Jahren vorbei. Braucht es denn noch ein Projekt zur Überwindung der ethnischen Gräben?

Andrea von Bidder: Die nationalistischen Töne sind nicht verschwunden. Sie haben sogar zugenommen. Das bereitet uns Kummer. Ich kann Ihnen mehrere Beispiele nennen, wo die Ethnien getrennt werden. Die Schulen etwa wissen, dass sie grössere Chancen auf Fördergelder haben, wenn sie Muslime und Christen durchmischen. Es kommt vor, dass sie Führungen machen und damit prahlen, dass beide Glaubensrichtungen unterrichtet würden. Kaum erwähnt wird, dass eine Glaubensgruppe am Vormittag, die andere am Nachmittag zur Schule geht.

Wie begegnen Sie diesen Berührungsängsten?

Zuerst einmal versuchen wir, die Menschen zusammenzuführen. Soeben haben wir mit dem Versöhnungsprojekt «Tanzend Frieden finden» den internationalen Versöhnungspreis erhalten, den wir am 21. September im Missionshaus in Basel entgegennehmen. Wir haben Frauen dazu gebracht zusammen zu tanzen, die sich anfänglich nicht mal berühren wollten. Am Ende des Kurses haben sie lebhaft zusammen Kaffee getrunken.

Wie kann man sich die Arbeit mit Kriegstraumatisierten vorstellen?

Viele können und wollen nicht über ihr Schicksal sprechen. Eine Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten, können wir mit dem Ausdrucksmalen anbieten. Hier können die Frauen selber entscheiden, wie viel sie preisgeben wollen. Es gibt das Beispiel einer Frau, die den Kurs immer wieder absolviert – ohne dass selbst die Kursleiterin eine Ahnung davon hat, was die Frau erlebt hat. Es ist wichtig, dass die Geschädigten selber bestimmen können, wieviel und was sie nach aussen tragen.

Anfangs hat sich «Amica» auf Frauen und Kinder konzentriert. Erst seit Kurzem bietet man auch Projekte für Männer an. Warum?

Da die Frauen oft Opfer von Vergewaltigungen waren, wollten wir in den ersten Jahren nicht, dass die den Raum mit Männern teilen müssen. Zudem sehen wir auch heute die zentrale Bedeutung von Frauen und bieten unter anderem Kurse in gewaltfreier Kommunikation an. Auf dem Balkan wird den Buben in der Erziehung vermittelt: «Du sollst mal ein richtiger Mann werden.» Sie werden auf der einen Seite verhätschelt, auf der anderen Seite aber auch brutal behandelt, wenn sie etwas falsch machen. Es gibt Psychotherapeuten, die sich so die Affekthandlungen erklären, die viele später begehen. In der Gewaltfreien Kommunikation vermitteln wir den Müttern, sie sollen in der Erziehung ihrer Söhne Grenzen setzen.

Sind unsere Vorstellungen von Erziehung und Emanzipation auf dem Balkan überhaupt erwünscht?

Natürlich stossen wir da und dort auf Widerstände. Es gab Fälle, wo man unsere Seminare verhindern wollte. Es gibt auch Frauen, die nicht mehr teilnehmen können, weil in der Familie Druck aufgebaut wird. Als wir mit dem Projekt «Gewaltfreie Kommunikation» anfingen, richteten wir uns auch primär an Sozialarbeiterinnen oder Lehrerinnen, die die Idee quasi weitertransportierten.

«Amica» lebt von Spenden. Ist es in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht schwieriger, Geld zu generieren?

Die Wirtschaft ist weniger ein Problem. Viel mehr wird zum Problem, dass der Jugoslawienkrieg nun schon eine Weile her ist. Man muss beispielsweise den Kirchgemeinden klar machen, dass es für die ethnische Versöhnung auf dem Balkan immer noch Efforts braucht.

Link: www.amica-schweiz.ch