Baselland hat hoch gepokert. Es setzte auf den Standort Lupsingen und auf passables Wetter. Zum ersten Mal durfte der Kanton den Performancepreis beherbergen, dieses eintägige, nationale Festival. Und zum ersten Mal hat dieser Tag für die Performancekunst nicht in einer Stadt, sondern abgelegen auf dem Land, erst noch unter freiem Himmel stattgefunden. Der Wetterradar verhiess für den Samstag nichts Gutes – doch die Organisatoren blieben hart: «Die Performances finden bei jedem Wetter draussen statt.» Rund 180 unerschrockene Menschen kamen.

55 Künstlerinnen und Künstler hatten ihre Dossiers samt Lebenslauf eingereicht; daraus waren sieben für diesen sechsten Performancepreis nominiert. Dem Gewinner winkten 30 000 Franken.

Die Natur hilft der Performance

Schnell wurde klar, dass die Freiluftidee eine sehr gute ist. Die Natur hilft der Performance, gibt ihr Atmosphäre; Schönheit oder etwas Unheimliches. Und es macht Spass, von Ort zu Ort zu spazieren, Landschaft und Kunst gleichzeitig zu erleben. Manchmal, etwa beim Mann, der Baumstämme zersägt, ist man sich kurz nicht sicher: Inszenierung oder Alltag? Und diese schön gekleidete Gesellschaft, die einen Waldweg heruntergelaufen kommt: Performance oder nicht? Beides. Die Hochzeitsgesellschaft ist echt und ahnt zunächst nicht, Teil von «Their Wedding» zu werden. Und wir handkehrum verwandeln uns unvorbereitet von Festivalbesuchern zu Hochzeitsgästen.

Der in Basel lebende Künstler Garrett Nelson hat sich mit dem Basler Paar Sophie Jung und Peter Burleigh zusammengetan. Ihre zweite Hochzeit diesen Monat findet nun also im Lupsinger Wald statt. Die Braut steht im weissen Kleid unter hohen Bäumen, pinke Brautjungfern irrlichtern umher, Gedichte werden gesprochen, Geigen spielen, der Brautvater, Schauspieler André Jung, singt ein Lied, und mittendrin steht Zeremonienmeister Garrett Nelson im Frack zu kurzen Hosen. Er fragt das Paar: «What have you to say to each other?» Sie antwortet: «You’ll do». Er echot: «Nicely. You’ll do nicely.» So manche Zuschauer haben echte Tränen in den Augen.

Seltsame Waldbewohner setzte der zweite Basler Künstler, Martin Chramosta, in sein «Dickicht von Ur». Auf engen Waldpfaden kann das Publikum dem Treiben dieser Gestalten zusehen. Eine hängt leblos an einer Baumleiter, ein anderer streckt seinen Arm aus einem Käfig, viele wuseln umher und geben auf komischen Instrumenten klägliche Tröttöne von sich. Bisschen Indianerlis, bisschen «Lost», die Serie, aber Spass machts. Am schönsten ist die feinste, fabelhafteste Figur mit dem weissem Kartonkopf, die etwas versteckt im Wald steht, still und stumm.

Im grösstmöglichen Kontrast zu diesem Tableau Vivant steht die Arbeit der Künstlergruppe «ultra». Erst unmerklich, dann immer stärker bewegen sich Bäume und Büsche auf dem Hang gegenüber dem Publikum. Die Bäume sind die Marionetten der Performer, mit ihnen machen sie «den Wind sichtbar». Viel mehr braucht es nicht, das zarte Naturschauspiel bezaubert. Alsbald gehen die vier Künstler weiter, rollen etwas gar lang eine Folie auf einer Wiese aus, entfachen so Windgeräusche und danach viel Rauch – und man wünschte sich, sie hätten viel mehr – oder viel weniger getan, Bäume im Wind.

Politik, Gewalt und Humor

Eine wichtige Rolle innerhalb dieses beschaulichen Tages spielt die Performance «Urnamo» der beiden in Zürich lebenden Iraker Ali Al-Fatlawi und Wathiq Al-Ameri. Mit so überraschenden wie starken Bildern vermitteln sie uns ein Gefühl ihrer Gefühle im Hinblick auf ihre versehrte Heimatregion. Humor und Gewalt haben darin beide Platz. Ein Mann im Liegestuhl bespritzt sich mit einem kleinen Versprüher. Der andere trägt eine schwere Tonne auf den Schultern, wie Atlas die Welt. Das Beachvolleyball-Feld neben der Lupsinger Mehrzweckhalle ist die Arena, in der beide verschiedenen Mächten ausgesetzt sind und zwischen ihnen hin- und hergezerrt werden. Und doch verbrennen sie keine Flaggen, sondern waschen sie in einem Kinderplanschbecken.

Um Performance im Sinn von Leistung geht es in der Performance von Melissa Tun Tun aus Genf. Zwei schöne, androgyne Frauen kommen im Auto angebraust und rennen synchron mit den Armen rudernd den Hügel hoch. Alsbald verschwinden sie am Horizont – und das Publikum steht am Hag. «Wo sind sie?», fragt ein Kind. Es bleibt das Autoradio, aus dem Reden plärren – «we expect greatness tonight». Die Frauen kommen nach einer Weile zurück und brausen wieder davon. Training absolviert.

Eine Performerin alter Schule ist die Zürcherin Dorothea Rust. Die Trainingsjacke hat sie sich über den Kopf gezogen – und erinnert damit an IS-Krieger. Dazu beschwört sie irritierenderweise die Vorzüge von Basilikum. Neben ihr rotiert eine Drohne. In einem etwas langgezogenen, disparaten Ritual aus vielen Akten will sie den Mittelpunkt finden. Klassisch ist, wie sie das Publikum einbezieht und wie sie sich körperlich ausliefert, erst «blind» auf dem Schulplatz herumgehend, dann fast nackt, nur in Unterhose und mit schwarzen Streifen bemalt.

Während all der Zeit führt Performer San Keller Interviews mit regionalen Politikern. Zum Schluss präsentiert er in der Turnhalle ein Kondensat, ein Gebet, welches das Publikum Satz für Satz nachsprechen soll. Wenig überraschend wirkt die Konzentration von Phrasen komisch. Und tragisch: «Trotz meinem Einsatz sind die Zahnputzfeen gestrichen worden.»

Am Ende isst das Publikum Risotto und die fünfköpfige Jury tagt. Um 21 Uhr folgt die Preisverleihung: Die Gewinnerin ist Dorothea Rust. Die Jury dürfte ihr langjähriges Engagement für die Performance-Kunst mitberücksichtigt haben. «Verdient», sagen Szene-Kenner. Der Publikumspreis geht an Garrett Nelsons Hochzeit im Wald.

Alles hat geklappt, niemand ging im Wald verloren und auch das Wetter war gar nicht so schlecht wie befürchtet. Die Zürcher Vertreterin war beeindruckt – und freute sich, dass Zürich als neuer Partner 2017 Austragungsort sein darf. Ein Performancetag mit Happy End. Baselland hat hoch gepokert – und gewonnen.