Am Fahrbahnrand riskierten Pressefotografen, ihr Leben im Schwerverkehr des Prattler Hohenrainkreisels zu verlieren, während Hermann A. Beyeler auf dem künstlichen Hügel aus dunklem Bahnschotter das Kunstwerk seiner Tochter Paula einweihte: Drei Zahnräder symbolisieren 10 Tonnen schwer die Mitarbeiter der alten Albert Buss & Cie., das Kreiselkunstwerk steht für den Abschied Prattelns vom Zeitalter der Schwerindustrie.

Beyeler ehrte gestern – im Regen von 40-Tönnern umbraust – drei pensionierte Ex-«Busslianer» stellvertretend für 5000 Arbeiterinnen und Arbeiter, die ab 1893 von Pratteln aus in aller Welt Werke schufen, die heute noch Bestand haben: Die Mittlere Brücke in Basel, die Halle über den Gleisen 1 bis 10 im Basler Bahnhof, die Elsässerbahn und die Stahlelemente der Kraftwerke Rheinfelden, Augst und Kembs, die Plattform des Chrischona-Turms – dies sind einige der Spuren, welche die Albert Buss & Cie hinterlassen hat.

Eisenbahntechnisch setzte sich der einst grösste Prattler Arbeitgeber unter anderem mit dem Bietschtal-Viadukt auf der Lötschberg-Südrampe ein Denkmal, das auf keiner grösseren Modelleisenbahnanlage fehlen darf. Das Kreisviadukt bei Brusio der Bernina-Bahn ist heute Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Auch die Solothurn-Moutier-Bahn, gegen deren Schliessung derzeit die Juragemeinden kämpfen, wurde von Buss gebaut.

Kraftwerke in aller Welt

Eindrücklich die Liste der Wasserkraftwerke von Gösgen und Rheinfelden über zahlreiche in Spanien, Italien und Frankreich bis hin zu Marokko, Mali oder Peru, welche die Firmenchronik unter den Werken der einst führenden Stahl-Wasserbauerfirma verzeichnet. Dabei lieferte Buss in der Regel die Stahlteile, also die grossen Schütze, mit denen das Wasser aufgestaut und reguliert wird, die Dammbalken zum Absperren der Turbinenkanäle sowie die Tore der Schleusen.

Hinzu kam die Lieferung der Rohre für die Druckleitungen der Kraftwerke in den Alpen. Der ehemalige Maschinenschlosser Hans Schwyn kann sich noch an die Einrichtung erinnern, mit der man die Arbeiter innerhalb der steilen Rohre hinunterliess, damit sie diese von innen verschweissten.

In der Zwischenkriegszeit betrieb Buss auch eine Werft in Augst, baute 16 Dampfer und Schleppkähne und 1925 das Passagierschiff «Rheinfelden», das heute noch als «Gräfin Emma» in Bremen unterwegs ist. Mit anderen Worten: Buss hat so ziemlich alles gebaut, was sich aus Stahl walzen und schweissen lässt.

Panzer-Bauteile für die Nazis?

Dazu gehörten neben Tankanlagen, den Speisewasserbehältern und Auffangwannen des AKW Beznau, des Dampftrockners des AKW Leibstadt und Fertigungsanlagen für die chemische Industrie auch militärische Güter: So berichtet Dorfhistoriker Fritz Sutter, dass Buss während des Kriegs Panzerbestandteile für die Deutsche Wehrmacht herstellte. «Als dann die alliierten Bomber über Pratteln brummten, fürchtete man im Dorf, jetzt werde wegen der Waffenproduktion Buss bombardiert», sagt Sutter.

Da 1979 die Firma an die Georg Fischer AG verkauft und von dieser in Einzelteile zerlegt wurde, ist es schwierig, die Firmengeschichte zu rekonstruieren: Zum Bedauern ehemaliger Buss-Kaderleute wie Erwin Killer aus Hölstein wurden die Archive in alle Winde zerstreut oder gammeln in vergessenen Lagern. Jedoch steht in einer chronologischen Zusammenstellung, dass Buss 1940 für das Deutsche Heer transportable Meerwasser-Destillationsapparaturen für die Trinkwassergewinnung ausgelegt habe. Es gab also während des Zweiten Weltkriegs Beziehungen zur Deutschen Wehrmacht. Für spätere Kriegsjahre ist nur «Umsatzsteigerung» erwähnt. 1986 schweisste Buss dann 100 Panzerwannen für den «Leopard».

«Chnochestampfi»

Dabei war die Arbeit vor allen in den Anfangszeiten gefährlich, wie die volkstümliche Bezeichnung «Chnochestampfi» bezeugt. So erinnert sich Schwyn, wie einem Arbeiter, mit dem zusammen er die Lehre bei Buss absolviert hatte, ein herunterfallender Träger den Fuss so zertrümmerte, dass der Verunfallte lebenslänglich an Stöcken gehen musste. Insgesamt habe man bei Buss aber bereits in den 60er Jahren stark auf Arbeitssicherheit geachtet. «Schlimm war es in den früheren Jahren, als man noch keine Kräne in den Hallen hatte, die schweren Stahlteile mit Flaschenzügen und Winden anhob und bewegte und es noch keine Sicherheitsschuhe gab.»

Auch Dorfhistoriker Sutter kannte einen Arbeiter, dessen Oberarm derart verletzt wurde, dass er hinterher nicht mehr bei Buss arbeiten konnte, sondern seinen Lebensunterhalt in der Säurefabrik verdienen musste. «Viele Unfälle passierten an der Stanzmaschine. Die Arbeiter waren nicht qualifiziert, sondern kamen aus dem Fricktal und dem umliegenden Baselbiet, weil sie den Verdienst benötigten.» Da die Arbeit im Akkord bezahlt war, gabs oft Hektik, was zu schlimmen Verletzungen führte, wenn jemand die Hand nicht rechtzeitig vom Werkstück zurückzog.

Industrieanlagen und Ko-Kneter

Die ursprünglich aus einem Basler Bau- und «Eisenbau»-Unternehmen hervorgegangene Firma Buss erreichte ihre Grösse nicht zuletzt durch den Anlagenbau für die Industrie, den sie 1919 aufnahm. Ammoniak-Erzeugungsanlagen, Zerstäubungstrockner für Seifenpulver, Extraktionsanlagen für Ölsaaten und Härtungsanlagen für Speiseöl, Fruchtsaft-Eindampfer, Anlagen für die Pulverlackherstellung, die bis nach Australien geliefert wurden. Unter anderem baute Buss in Karlsruhe einen Absorberturm für eine Abgas-Entschwefelungsanlage der Badenwerke: 1 Kilometer Schweissnähte, 120 Tonnen Material, 86 Stutzen mit bis zu 3 mal 3,5 Meter Querschnitt, rund 400 Meter Rohre und über 1000 Düsen.

Das gab Arbeit und nicht zuletzt Lehrstellen: Hans Schwyn, der selbst 1960 seine Lehre bei Buss angetreten hatte, wurde später einer der drei vollamtlichen Lehrlingsausbilder. «Wir hatten 24 Lehrlinge pro Jahrgang in Berufen wie Schweisser, Elektriker oder Maschinenschlosser», erinnert er sich. In den besten Zeiten arbeiteten 1100 Personen bei Buss in Pratteln, darunter viele von der Lehre bis zur Pensionierung.

Im Januar 1946 beschloss die Geschäftsleitung, in die Produktion von Misch- und Knetmaschinen einzusteigen. Dafür stellte sie den Ingenieur Heinz List ein, der das Patent für den von ihm erfundenen Ko-Kneter mitbrachte. Diese Maschine erlaubt es, Materialien in einer Art Turbine in kontinuierlichem Durchfluss zu mischen und zu kneten – ein Verfahren, das in der aufstrebenden Kunststoffindustrie sehr willkommen war. Die Ko-Kneter wurden in den folgenden Jahren laufend verbessert und entwickelten sich für Buss zum Standbein. Unter anderem entwickelten sie daraus eine Maschine für die Produktion von Kohle-Elektroden, mit denen man aus Bauxit Aluminium herstellt.

Im Rückblick sehen die Buss-Veteranen in der Ölkrise Anfang der 70er-Jahre den Beginn des Niedergangs. «Überall wurde abgebaut, die Lehrlingszahlen wurden zurückgefahren», erinnert sich Schwyn. 1978 verkaufte man das Werk, das Buss in Grenzach-Wyhlen hatte, und 1979 übernahm die Georg Fischer AG aus Schaffhausen 58 Prozent der Buss-Aktien, 1990 stockte Georg Fischer auf 93 Prozent auf.

Heute wieder 1000 Arbeitsplätze

Die Erinnerungen der Buss-Veteranen an die Georg-Fischer-Zeit fallen nicht positiv aus: Das Unternehmen wurde in seine Sparten aufgeteilt und diese einzeln verkauft. Georg Fischer habe sich die Rosinen herausgepickt, argwöhnt Hans Herter, «wie es eben so geht, wenn ein Konzern zerlegt wird.»

Zeitweise arbeiteten die getrennten Betriebsteile unter fremden Namen. Heute aber ist die Buss ChemTech AG im Industrieanlagenbau tätig, die Buss AG stellt die Ko-Kneter her und Hermann A. Beyelers Buss Immobilien & Service AG hat das ehemalige Firmenareal übernommen und plant unter anderem den Ceres-Tower.

Gemeindepräsident Beat Stingelin blickte gestern anlässlich der Einweihung der drei Kreisel-Zahnräder auf Prattelns Abschied von der Schwerindustrie in den letzten Jahrzehnten zurück. Dabei stellte er fest, dass kein anderes Industrieareal heute wieder derart belebt ist wie das Buss-Areal: «46 Firmen bieten rund 1000 Arbeitsplätze.» Er sei froh, dass es auch in Zeiten der Dienstleistungswirtschaft noch Areale in Pratteln gibt, wo von Hand gearbeitet werde.

«Das geschaffene Industriedenkmal ist die Hommage und der Dank an alle, welche im Verlauf der mehr als 100 Jahre in der Buss AG hart gearbeitet haben. Ohne sie gäbe es heute das Buss-Areal nicht», ergänzte Beyeler.