Sie treten alle mit 99 Kandidaten an. SP, Grüne, CVP, FDP und LDP. Doch der Basler Grosse Rat, der am 28. Oktober gewählt wird, hat hundert Plätze. Der Kandidat, der fehlt, fehlt den grossen Parteien am gleichen Ort: in Bettingen, dem Basler Bergdorf. Bettinger Grossrat ist Helmut Hersberger (61), FDP-Mitglied und «Aktiver Bettinger». Und das ist gut so. Darüber ist man sich in Bettingen einig. Und in Riehen. Und auch in Basel. Von links bis rechts. Wer nachfragt, warum niemand in Bettingen angreift, erhält eine überraschte Gegenfrage zur Antwort: Sie kennen doch die politischen Verhältnisse in Bettingen?

Bettingen ist zufrieden mit dem Grossrat

Diese scheinen unantastbar. Es gibt zwei überparteiliche Gruppierungen, die das politische Leben im Dorf mit seinen 1200 Einwohnern bestimmen. «Aktives Bettingen» und die «Bettinger Dorfvereinigung». Erstere wurde vor zehn Jahren gegründet als Abspaltung der zweiten. Beide Gruppierungen sind bürgerlich. Das Wohlwollen einander gegenüber dominiert längst wieder den Bettinger Politalltag. Frieden herrscht.

Die Dorfvereinigung hat für die Grossratswahlen Stimmfreigabe beschlossen. Ihr Präsident, Gemeinderat Matthias Lüdin, attestiert Hersberger Können und würdigt vor allem eines: sein Lobbying für Bettingen im Grossen Rat. Dem Lob stimmen andere Gemeinderäte bei. Man wolle einfach jemanden, der die Anliegen des Dorfes vertrete. Dabei geht es vor allem um eine gute Verkehrsanbindung und möglichst tiefe Steuern. Die Interessen der Bettinger vertritt Helmut Hersberg zu deren allgemeinen Zufriedenheit. Kritik gibts keine.

Ein überraschender Konkurrent

Umso erstaunter war Hersberger, dass doch noch einer seinen Sitz angreift. Er sei überrascht gewesen, sagt der Grossrat, als er nach Ablauf der Anmeldefrist für die Kandidaten bei der Gemeinde anrief und erfuhr, dass ihm einer den Grossratssitz streitig mache. Es werde ein «steiniger Weg» für einen Jungen.

Hersbergers Konkurrent ist Benjamin Achermann (24), Wirtschaftsstudent, aufgewachsen in Bettingen, aktiv im Turnverein. Achermann sagt, er habe sich Anfang Jahr entschieden, für den Grossen Rat zu kandidieren, damit Hersberger nicht noch ein zweites Mal konkurrenzlos wiedergewählt werde. Deshalb trat er der Jungen CVP bei, der er politisch «noch am nächsten» stehe. Achermann gehört seit Anfang September als politischer Sekretär sogar dem Vorstand der Jungpartei an. Aber auch der Herausforderer hält sich an Bettingens ungeschriebene Gesetze: Er tritt nicht für die CVP an, sondern für die Gruppierung «Neues Bettingen», die sich aus einigen Privatpersonen aus seinem Bekanntenkreis zusammensetzt.

Hersbergers Wahl ist unbestritten

Über die Kandidatur des Neulings zeigt man sich in Bettingen erstaunt bis amüsiert. Positiv sei es, wenn sich die Jungen für Politik interessieren, heisst es. «Konkurrenz belebt das Geschäft», sagt Gemeinderat Olivier Battaglia, selbst Mitglied von «Aktives Bettingen». So werde die Grossratswahl auch in Bettingen eine Wahl. Demokratie beruhe ja schliesslich darauf, jemanden zu wählen. Dass Achermann auch gewählt wird, steht jedoch ausser Diskussion. Hersberger ist gesetzt.

Diese Meinung herrscht auch in den grossen Parteien. CVP-Präsident Markus Lehmann verkündet zwar sein Wohlwollen gegenüber der Kandidatur von Benjamin Achermann. Die CVP selbst habe sich aber nie überlegt, in Bettingen anzutreten. Ähnlich klingt es bei der SP. Laut Präsident Martin Lüchinger habe sich die Partei zwar mit einer Kandidatur auseinandergesetzt, schliesslich aber aufgrund der politischen Konstellation in Bettingen darauf verzichtet. Auch die SVP hat erwogen, anzutreten. Parteipräsident Sebastian Frehner sagt aber, es sei nicht möglich gewesen, einen aussichtsreichen Kandidaten zu finden.

Nachfolger gesucht

Den Bettinger Frieden stört niemand. Unzufriedene scheint es kaum zu geben. Wahlkampfwillige schon gar nicht. So greifen die grossen Parteien eben nicht an. Man spricht von «Gentlemen’s Agreement». Helmut Hersberger nennt die unausgesprochene Regel eine «Entente» zwischen Bettingen und den Parteien.

Hersberger solls recht sein. So wird er auch seine nächsten und damit letzten vier Jahre im Grossen Rat unbeschadet in Angriff nehmen können. In dieser Zeit, meint Dorfvereinigungs-Präsident Lüdin, werde man sich wohl auf die Suche nach einem neuen, geeigneten, bürgerlichen Grossratsvertreter in Bettingen machen. Und so auch in vier Jahren einen Wahlkampf verhindern.