Mit zehn Minuten Verspätung kommt der Bus am Bahnhof Liestal an. Herr Müller, der seiner Mutter in Arisdorf einen Besuch abstattete, stürzt aus dem Fahrzeug und rennt zum Gleis 1, wo der Zugchef bereits in seine Trillerpfeife bläst. Im letzten Moment springt Müller in den Wagen und nimmt keuchend Platz. Kaum runter gefahren, schnellt sein Puls in wieder in die Höhe. Denn als der Mann im dunkelblauen Anzug den Wagen betritt, kommt Müller in den Sinn: «Ich habe kein Billett.» Er hatte eigentlich vor, über Nacht bei seiner Mutter zu bleiben, und darum in Basel nur «einfach» gelöst.

Obwohl er dem Kontrolleur seine Geschichte erzählt, kennt dieser kein Erbarmen. Müller muss zum Fahrpreis von 5.30 Franken einen Zuschlag von satten 90 Franken bezahlen. Also 18 Mal mehr, als wenn der Bus rechtzeitig in Liestal angekommen wäre und er am Automaten ein Billett hätte lösen können. Zähneknirschend berappt Herr Müller die 95.30 Franken.

In Härtefällen kulant

Das von der bz frei erfundene Beispiel könnte ab morgen öfters zur Realität werden. Gleichzeitig mit dem Fahrplanwechsel schaffen die SBB den Ticketverkauf in ICN-, IC- und IR-Zügen ab. Bisher war es möglich, in diesen Zügen ein Billett mit einem Zuschlag von zehn Franken zu beziehen. Auf ihrer Homepage nennen die SBB den auf 90 Franken erhöhten Aufpreis immer noch «Zuschlag». Faktisch reden wir hier aber von einer Busse.

Mit dem Abbau der bei Zugfahrern beliebten Serviceleistung wollen die SBB jährliche Einnahmeverluste im zweistelligen Millionenbereich verhindern, die durch Schwarzfahrer entstehen. Wegen den vollen Zügen und immer kürzeren Reisezeiten sei es den Kontrolleuren unmöglich, jeden Fahrgast zu kontrollieren. Gewitzte Passagiere würden diesen Umstand zur Schwarzfahrt ausnützen.

Die SBB schreiben zwar weiter, dass in Härtefällen mit der Kulanz der Zugchefs gerechnet werden könne. Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr bei der SBB, sagte am Dienstag in der Fernsehsendung «Kassensturz», es hänge von der Begründung ab, ob ein Auge zugedrückt werde. Klare Richtlinien gebe es keine.

Ärger am Bahnhof Liestal

Der Beitrag im «Kassensturz» hat aufgezeigt, dass die meisten Kunden diese Neuerung verurteilen. Vor allem ältere, mit den elektronischen Billettautomaten überforderte Passagiere sowie Touristen, die die hiesigen Verhältnisse nicht kennen, fühlen sich brüskiert.

Am Bahnhof Liestal wartet der 66-jährige Peter Styger gerade auf den Zug, als die bz ihn auf den 90-Franken-Zuschlag anspricht. «Ich finde das eine riesige Sauerei», antwortet er mit erregter Stimme. Es könne doch jedem passieren, dass er vergisst, ein Ticket zu lösen oder versehentlich in den falschen Zug steigt. Für Styger, der kein Auto fährt, bröckelt das ehemals gute Image der SBB immer mehr.

Kopfschütteln bei Passagieren

Auch eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern aus dem Interregio aus Basel aussteigt, schüttelt den Kopf. Vielmehr als die teuren Zuschläge ärgert sie die Preiserhöhung des Generalabonnements. «Ich weiss nicht, wie lange ich mir das noch leisten kann», sagt sie. Denn auch ihre Kinder bräuchten bald ein GA.

Mit Lebkuchen machen die SBB dieser Tage auf die Abschaffung des Billettverkaufs in den Schnellzügen aufmerksam. Denjenigen Passagieren, die das neue Reglement künftig zu spüren bekommen, bleibt dieser wohl im Hals stecken.