Was hat sich die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind bloss dabei gedacht, als sie die Klassenbildung an den Sekundarschulen der beiden Frenkentäler auf diesen Sommer hin vorantrieb? In keinem anderen Schulkreis häufen sich die Probleme wie an den Standorten Oberdorf und Reigoldswil. Überfüllte Klassen und Zwangsverschiebungen wurden von Gschwind und dem Amt für Volksschulen (AVS) in Kauf genommen, um die Anzahl Klassen und damit die Kosten möglichst tief zu halten. Bisher kaum bekannt ist, dass der Kanton an der Sekundarschule Reigoldswil noch zu einem weiteren umstrittenen Mittel griff: Das AVS bewilligte «ausnahmsweise» im Niveau A die Bildung einer Mehrjahrgangsklasse.

Bloss: Das Baselbieter Bildungsgesetz lässt keinerlei Spielraum zu. Dort heisst es: «Im Kindergarten und in der Primarschule können Mehrjahrgangsklassen geführt werden.» Für die Sekundarstufe besteht diese Möglichkeit nicht. «‹Ausnahmsweise› heisst nichts anderes als gesetzeswidrig», sagt dazu Caroline Mall auf Anfrage. Die SVP-Landrätin und Vizepräsidentin der Bildungskommission stört sich an den vielen Ausnahmen bei der Klassenbildung des Schuljahrs 2016/17. Im Falle der Mehrjahrgangsklasse hätten Schule und AVS sicher schon länger gewusst, dass es zu wenige Schüler für eine eigene Klasse gibt. «Da hätte der Kanton die Änderung der gesetzlichen Grundlagen anpacken müssen», so Mall.

Alternative wäre Verschiebung

Tatsächlich lagen die Anmeldungen, welche Primarschüler in die drei Niveaus der Sekundarstufe eintreten, bereits im März auf dem Tisch, wie Urs Zinniker vom AVS bestätigt. Der Schulleiter der Sek Reigoldswil, Hansruedi Hochuli, nennt die konkreten Zahlen: 48 Schüler traten bei ihm diesen Sommer in die erste Sek-Klasse ein, 18 davon im höchsten Niveau P, 25 – also einer mehr als die erlaubte Höchstzahl – im mittleren Niveau E und bloss deren 5 im Niveau A. «So wenige Anmeldungen fürs Niveau A hatten wir noch nie», sagt Hochuli.

Im Frühjahr sei man deshalb mit dem AVS zusammengesessen und habe nach Lösungen gesucht. Für den Schulleiter sei das Wichtigste gewesen, dass in Reigoldswil weiterhin sämtliche Niveaus angeboten werden. Auch Zinniker sagt: «Es ist eine vollwertige Schule und muss daher auch das gesamte Angebot abdecken.» Drei Varianten lagen auf dem Tisch: Entweder die fünf Schüler wären innerhalb des Schulkreises nach Oberdorf verschoben worden. Oder eine der beiden ersten A-Klassen von Oberdorf hätte ganz oder teilweise nach Reigoldswil wechseln müssen. Oder eben die fünf Schüler stossen zu den bestehenden 15 Zweitklässlern dazu und bilden eine Mehrjahrgangsklasse.

«Mir war gar nicht bewusst, dass wir damit gegen das Bildungsgesetz verstossen könnten», sagt Hochuli, als ihn die bz darauf aufmerksam macht. Man habe einfach nach der für die Schule und die Schüler besten Lösung gesucht. Auch Zinniker wehrt sich: «Wir haben nicht vorsätzlich das Gesetz gebrochen. Wir bewegen uns hier im Graubereich.» Es stimme zwar, dass Reigoldswil «rein von den Zahlen her» eigentlich auf eine erste A-Klasse hätte verzichten müssen. Doch man habe nun offiziell keine neue Klasse gebildet, sondern zusätzliche Kurse innerhalb der bestehenden zweiten Sek-Klasse.

Die Schüler sind zufrieden

Damit bewegt sich der Kanton argumentatorisch auf dünnem Eis, hielten Monica Gschwind und das AVS doch in mehreren schriftlichen Antworten im Landrat fest, dass es sich um eine Mehrjahrgangsklasse handle. Für Zinniker sei es letztlich eine Güterabwägung gewesen: «Die anderen Varianten hätten wegen der Schülerverschiebungen und dem Wegfall eines ganzen Niveaus in diesem Jahrgang wohl grössere Probleme ausgelöst.» Hochuli betont, dass sich die fünf Schüler gut integriert hätten. Für einen Teil der Lektionen finde getrennter Unterricht statt, und die Lehrerin habe Erfahrung mit Mehrjahrgangsklassen.

Nicht einbezogen in den Entscheid wurden laut Hochuli allerdings die Eltern der betroffenen Kinder. Dazu Zinniker: «Rückblickend hätten wir den Aspekt der Elterninformation wohl höher gewichten sollen.» Man habe unterschätzt, wie viele Veränderungen auf den Schulkreis Frenkentäler zugekommen sind. Dass die Mehrjahrgangsklasse nun nicht sofort wieder aufgelöst wird, findet selbst Mall richtig, weil es im Sinne der Kinder sei. Sie werde nun aber in einem dringlichen Vorstoss fordern, dass die Ausnahme auch rechtlich abgesichert wird. Das unterstützt Zinniker, denn: «Nächstes Jahr werden wir für Reigoldswil wieder eine Ausnahme prüfen müssen.»