Herr Lüthi, ein Naturführer aus einer Stadt, das überrascht. Gibt es in der Stadt überhaupt Natur?

Roland Lüthi:Natürlich. Für viele Leute mag das zwar überraschend klingen, aber: Eine Stadt ist pro Fläche oft artenreicher als Landwirtschaftsland. Basel-Stadt ist sehr reich an unterschiedlichen Lebensräumen. Einige davon sind aus biologischer Sicht sogar von nationaler und internationaler Bedeutung.

Wo sind diese wertvollen Gebiete?

Lüthi:Vor allem das Areal der Deutschen Bahn im Norden Basels ist erwähnenswert. Hier findet man wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten, die es in der Schweiz nördlich der Alpen sonst kaum gibt. Weil das DB-Areal aber nicht öffentlich zugänglich ist, habe ich es im Naturführer nicht hervorgehoben. Sehr interessant ist auch das Hafenareal bei Kleinhüningen. Die Artenvielfalt ist enorm: Im dortigen Industrieareal habe ich fast 500 Arten von Blütenpflanzen gefunden. Auch die Rheinböschungen – Bermen genannt – sind ideale Standorte für so genannte Trockenruderalpflanzen.

Was ist Ihre Lieblings-Landschaft in Basel?

Lüthi:Alle haben ihre schönen Seiten, es ist vor allem die Vielfalt, die so toll ist. Es gibt wunderschöne Parks wie der Landschaftspark Gellertgut oder der Garten des Claraspitals mit seinem bemerkenswerten Baumbestand. Sehr gut gefällt mir der Tüllinger Berg und der dortige Panoramaweg. Von diesem aus sieht man die vielen verschiedenen Landschaften in der Region. Sehr speziell ist auch das Chrischona-Tal: Das ist einer der ruhigsten Orte in der Region.

Gibt es auch spezielle Tierarten in der Stadt?

Lüthi:Speziell sind sicher die stadtbrütenden Wanderfalken. Wanderfalken brüten sonst eigentlich in Felswänden. In Basel nisten sie jedoch auf dem IWB-Kamin. Pro Jahr gibt es in Basel eine bis zwei Bruten. Erwähnenswert ist unter anderem die Gottesanbeterin. Sie ist von Norden durchs warme, trockene Rheintal eingewandert.

Warum ist Basel derart artenreich?

Lüthi:Basel liegt gut, hier treffen ganz verschiedene Landschaften aufeinander. Das ergibt eine grosse Vielfalt. Von den in der Schweiz vorkommenden 50000 bis 60000 Tier-, Pilz- und Pflanzenarten leben im Stadtkanton rund ein Viertel bis ein Drittel. Ausserdem liegt die Stadt am Südende der Oberrheinischen Tiefebene und es ist verhältnismässig trocken und sonnig. Dank dieser biogeografischen Sonderstellung gibt es viele Arten, die sonst in der Schweiz nördlich der Alpen praktisch nicht vorkommen.

Hat die Natur in der Stadt Zukunft – oder wird bald alles überbaut sein?

Lüthi:Die Natur hat auf jeden Fall eine Zukunft. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich vieles für sie sogar gebessert. Grosse Teile der Bahnareale zum Beispiel wurden früher totgespritzt, heute leben dort seltene Pflanzen. Auch an den Rheinböschungen und der Wiese entlang lässt man heute vieles wachsen.

Führt das Erhalten von natürlichen Flächen nicht zu Konflikten mit der Stadtentwicklung?

Lüthi: Doch, mit der Raumplanung gibt es natürlich immer mal wieder Konflikte. Das Erlenmattquartier wäre beispielsweise botanisch wertvoll gewesen; jetzt ist es zum Teil überbaut. Ähnliches droht Teilen des DB-Areals. Hier soll möglicherweise ein Hafenbecken hinkommen. Das grosse Areal ist aber biologisch-botanisch von internationaler Bedeutung. Ein angemessener Ersatz im Sinne des kantonalen Natur- und Landschaftsschutzgesetzes ist auf Basler Boden gar nicht möglich.