Piece de Résistance ist in Lausen das Wörtchen «flächendeckend», das in dieser Absolutheit aber nicht ganz zutrifft: Die Hauptstrasse, Quartier-Erschliessungsstrassen wie die Ring- und die Widliackerstrasse sowie die meisten Gewerbegebiete bleiben Tempo-50-Zonen.

Wie bei Verkehrsfragen üblich, ist auch die Lausner Tempo-30-Vorlage ein Stück weit ein parteipolitischer Grabenkampf. Auf der einen Seite stehen die Links-Grünen, die von EVP und Grünliberalen unterstützt werden. Sie machen vor allem die höhere Sicherheit von Tempo 30 für die schwächeren Verkehrsteilnehmer – allen voran die Kinder – geltend. Stellvertretend Thomas Bühler (SP), einer von zwei Lausner Landräten: «Ich bin als Lehrer und Schulleiter sensibel für das Wohl der Kinder. Und die Tempo-30-Vorlage ist eine angebrachte, gescheite Verbesserung für sie.» Denn in Lausen gebe es wenig Strassen mit Trottoirs und die Kinder verhielten sich im Verkehr nicht immer so vernünftig, wie sich das die Erwachsenen wünschten.

Gegnerin: Lieber gezielt Tempo 20

Auf der andern Seite steht die Bürgerliche Vereinigung Lausen, ein Zusammenschluss von FDP, SVP und CVP, die der Vorlage das Augenmass abspricht. Dazu stellvertretend die andere Lausner Landrätin, Daniela Gaugler (SVP): «Es ist unsinnig, fast alle Strassen in Lausen über einen Leisten zu schlagen und somit zum Beispiel auch auf der breiten, übersichtlichen Weiherhofstrasse Tempo 30 einzuführen.» Besser wären für sie Begegnungszonen mit Tempo 20 um die Kindergärten, die Schulhäuser und auf Quartierstrassen mit vielen Kindern. Tempo 30 dagegen täusche eine falsche Sicherheit vor, weil Fussgänger keinen Vortritt geniessen, sagt Gaugler.

Allerdings ist sich das bürgerliche Lausen in der Tempo-Frage nicht einig. Denn obwohl die Bürgerliche Vereinigung im Gemeinderat die Mehrheit hat, hat sich das Gremium mit vier zu drei Stimmen für die Tempo-30-Vorlage entschieden. Die Gemeindeversammlung mit rekordverdächtigem Aufmarsch folgte dem Gemeinderat letzten Herbst mit 131 zu 95 Stimmen, worauf das Referendum ergriffen wurde. Gemeindepräsident Peter Aerni, selber kein Freund von Tempo 30, ist froh, dass nun das Volk über die umstrittene Frage bestimmen kann. Der Gemeinderat habe Stillschweigen beschlossen und werde sich nicht mehr vor der Abstimmung zum Thema äussern.

Dafür sagt Aerni, wie es nach dem 9. Februar weitergeht: Bei einem Ja werden die Tempo-30-Signalisationen und die baulichen Massnahmen, die zusammen maximal 210 000 Franken kosten dürfen, voraussichtlich bis Mitte 2015 umgesetzt. Bei einem Nein ist laut Aerni Tempo 30 in Lausen für die nächsten Jahre für den Gemeinderat vom Tisch. Denkbar seien punktuelle Geschwindigkeitsreduktionen. Doch müsste dafür der Anstoss von ausserhalb des Gemeinderats kommen, sagt Aerni.

Lausen ist in Sachen Tempo 30 ein Pionier. So sagt der Sprecher der Baselbieter Polizei, Meinrad Stöcklin: «Lausen ist die erste Gemeinde im Kanton, die Tempo 30 auf einen Schlag flächendeckend realisieren will.» Es gebe zwar mittlerweile auch andere Gemeinden mit Tempo 30 praktisch im ganzen Bann, aber die seien etappenweise vorgegangen. Und Stöcklin ergänzt: «In jüngster Zeit können wir feststellen, dass Gemeinden mehrere Tempo-30-Zonen zusammen zur Bewilligung einreichen. Sie streben damit eine Gleichbehandlung der Quartiere in Sachen Verkehrssicherheit und Verbesserung der Wohnqualität an.» Insgesamt gibt es in den 24 Baselbieter Gemeinden, die bis jetzt Tempo 30 eingeführt haben, 118 solcher Zonen. Mit Lausen kämen zwei weitere dazu: eine Zone südlich der Bahnlinie, eine nördlich der Hauptstrasse.

Messungen zeigen, dass auf den diversen Lausner Quartierstrassen heute durchschnittliche Tempi zwischen 35 und 49 Stundenkilometer gefahren werden. Ausreisser nach oben war ein Autofahrer auf der Weiherhofstrasse mit 97 auf dem Tacho.