Familien haben ein Familienbüchlein, Rekruten ein Dienstbüchlein, und zwei Gemeinden im Baselbiet haben ein Trennungsbüchlein. Gemeint sind Binningen und Bottmingen. Sie trennten sich im Jahr 1837 – nach jahrzehntelangem, aufreibendem Rechtsstreit. Publiziert hat das Büchlein der Verlag des Kantons Basel-Landschaft 1987*, gerade rechtzeitig zum 150-Jahr-«Jubiläum» der Spaltung. Das Werk, das in keinem gut ausgestatteten Büchergestell der beiden Agglomerationsgemeinden fehlen sollte, listet einige Kuriositäten auf. So ist von einem Bannstein mit der Jahreszahl 1838 die Rede, der als erster die neue Grenze markiert haben soll. Er stehe heute vor der Bottminger Gemeindeverwaltung, will das Büchlein weiter wissen.
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Doch als sich die bz zusammen mit der Bottminger Gemeindepräsidentin Anne Merkofer-Häni und ihrem Binninger Amtskollegen Mike Keller auf die Suche nach dem Grenzstein macht, fehlt von ihm jede Spur. Merkofer bittet den Gemeindeverwalter um Rat. Doch dieser muss ebenfalls passen. Auch sonst bekunden Merkofer und Keller glaubhaft Mühe, etwas zu finden, was ihre beiden Gemeinden – von der administrativen Grenze einmal abgesehen – trennt.

Austausch von Nettigkeiten

Das war früher anders. Wie zwischen Geschiedenen üblich, ist es auch in diesem Falle immer mal wieder zum Austausch von Nettigkeiten gekommen. Als Hinweis dazu soll der Dorfname genügen, den die Binninger ihren südlichen Nachbarn verliehen haben: «Brotfrässer». Ursache der Scheidung waren aber keine Beleidigungen, sondern das starke Wachstum der Dorfbevölkerung gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Im Zuge der beginnenden Industrialisierung entwickelten sich beide Dorfteile prächtig im «Windschatten» von Basel. Das brachte aber auch Nachteile mit sich: Immer mehr Aufgaben gab es zu bewältigen. Der Boden wurde knapp – die Verteilkämpfe nahmen zu. Es ging um den Strassenunterhalt, um Schulen, um die Erteilung des Bürgerrechts und vieles mehr.

Wie die Heimatkunde «Binningen – die Geschichte» berichtet, wurden sogar die Eicheln im Bottminger Wald zum Politikum: Die Bauern der beiden Ortsteile stritten sich darum, wer wann seine Tiere auf die Weide führen darf ...

Offensichtlich wurden die Differenzen erstmals in der Zeit der Helvetik (1798 – 1803). Beflügelt vom Freiheits-Gedanken der französischen Revolution, lösten sich die Bottminger mehr und mehr von Binningen ab, ohne sich jedoch mit der grösseren Schwestergemeinde abzusprechen. So baute sich Bottmingen ein eigenes Schulhaus, konnte dieses aber gar nicht finanzieren. Der Auslöser der Abspaltung war aber ein Streit um den gemeinsamen Strassenunterhalt. Bottmingen weigerte sich, denjenigen Abschnitte zu unterhalten, die sich auf Binninger Boden befanden. 1806 wollte Basel zwischen den zerstrittenen Untertanen vermitteln. Für Aufsehen sorgte ein Brief Bottmingens, in dem diese Binningen für den Verfall der Strasse verantwortlich macht. Im Schreiben an den Statthalter heisst es schnippisch: «Es ist immer schlecht wan eine Gemeind nicht imstand ist ihre Weg selbsten zu machen. Das man noch ein ander Gemeind davon bauftragen will, wo man doch wohl weiss, das es unrecht ist.» Was die Bottminger sagen wollten: Flickt eure Strasse selber!

Fast vollständig verwachsen

Nun kümmerte sich die höhere Politik um die Chose. 1807 taucht zum ersten Mal das Wort Trennung auf. Die beiden Orte lebten sich noch stärker auseinander. Es brauchte aber nochmals dreissig Jahre, bis die Trennung amtlich wurde: Am 14. Juli 1837 beschloss das Baselbieter Obergericht die Teilung der beiden Gemeindebanne – drei Fünftel fielen an Binningen, zwei Fünftel an Bottmingen. Die lange Trennungszeit hatte unter anderem auch damit zu tun, dass sich zuvor die Besitzverhältnisse gewaltig verändert hatten: Nach der Basler Kantonstrennung 1832/33 fielen Binningen und Bottmingen zur Landschaft.

Dass sich die ehemals zusammengehörenden Gemeinden seither wieder angenähert hatten, zeigt sich bei einer Fahrt mit dem 10er-Tram von Basel nach Oberwil: Da ist keine Gemeindegrenze mehr ausmachen, zu dicht ist der Häuserteppich. Die Zusammenarbeit beweisen zahlreiche gemeinsame Institutionen. So sind etwa der Gewerbeverband, die beiden Kirchgemeinden und die Musikschule bikommunal organisiert. Die bz reiht sich in diese Tradition ein: Ab Montag stehen beide Gemeinden eine Woche lang im Fokus – gemeinsam. Am Nachmittag des besagten Treffens meldete sich Anne Merkofer nochmals bei der bz. Sie habe zwar den verschwundenen Grenzstein aus dem Trennungsbüchlein nicht auffinden können, dafür einen anderen mit Symbolgehalt (siehe Fotos). Er markiert die Grenze auf dem Bruderholz, und auf der einen Seite steht geschrieben: «Geschenk der Gemeinde Binningen an die Gemeinde Bottmingen».

* Regula Nebiker: «Bottmingen und Binningen: Seit 150 Jahren eigenständige Gemeinden. Der Weg der Trennung.»