Als Valentin Stocker hoch über dem Letzigrundrasen horizontal in der Luft liegt, da spürt er: Das kann etwas werden. Eine Sekunde später liegt der Ball im Netz. Mit einem herrlichen Seitfallzieher hat der Flügel das 1:1 erzielt und dem FC Basel gegen GC einen Punkt gerettet.

«Bei solchen Aktionen merkt man schnell, ob der Ablauf stimmt. Aber selbst wenn ich den Ball gut treffe, braucht es noch etwas Glück, dass er dann auch ins Tor fliegt», sagt Stocker. Der Treffer vom Sonntag zählt gewiss zu den schönsten, die dem Krienser bisher für den FCB gelungen sind. Hat er gar das Potenzial zum Tor des Jahres? «Darüber mache ich mir keine Gedanken», sagt Stocker, «schliesslich hat es mein Supertor gegen Sion auch nicht so weit gebracht.» Im September letzten Jahres hatte er gegen die Walliser die Kugel aus 25 Metern ins Lattenkreuz gehämmert. Aber eigentlich, sagt Stocker, sei es ihm auch gar nicht so wichtig, ob er schöne oder weniger schöne Tore schiesse. «Die Mannschaftskollegen behaupten eh, ich würde nur hässliche Tore machen.»

Am Donnerstagabend aber würde ein Tor wie gegen GC gut passen, wenn der FCB im Sechzehntelfinal-Rückspiel der Europa League gegen Maccabi Tel Aviv antritt. Zum einen ist es die 200.  Europacuppartie von Rotblau, zum andern feiert auch Stocker ein kleines Jubiläum. «Vor ein paar Jahren war ich noch der kleine Bub, jetzt bestreite ich für den FCB meinen 60.  internationalen Match. Das macht mich extrem stolz», sagt Stocker. Das 1:0-Siegtor in der Champions League gegen Bayern München und das Comeback gegen Manchester United nach seinem Kreuzbandriss gehören wie der grandiose Auftritt in der Europa League bei Tottenham zu seinen Highlights.

Als hinterher zu lesen war: «Tottenham jagt Stocker!». Der Spieler muss schmunzeln: «Ich selber habe nie etwas von Tottenham gehört.» Er hat sich längst daran gewöhnt, während jeder Transferphase mit diesem und jenem Verein in Verbindung gebracht zu werden. Schalke, Wolfsburg, Gladbach – die halbe Bundesliga hat ihn angeblich schon verpflichten wollen. Stocker aber ist noch immer da. Ehemalige Teamkollegen wie Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka sind schon lange weg, Mohamed Salah seit neustem und in ein paar Monaten wird Yann Sommer gehen.

Wann aber wird auch er diesen Schritt machen? Stocker bleibt cool, auch wenn ihm diese Frage gewiss schon zum hundertsten Mal gestellt worden ist. «Wenn alles passt, dann gehe ich», sagt Stocker. Er denkt nicht, dass sein bis 2016 laufender Vertrag ein Hindernis sein könnte. «Wenn mich ein Klub unbedingt will, dann zahlt er auch eine entsprechende Ablösesumme», ist er überzeugt.

Am FCB aber, da weiss er, was er hat. Hier eine Galionsfigur zu sein, hätte auch einen gewissen Reiz. «Ich muss nicht unbedingt im Ausland gespielt haben, um später zu sagen, ich hätte eine gute Karriere gehabt. Ich mache mir da keinen Druck», sagt Stocker. «Aber klar arbeite ich jeden Tag an mir, um mich zu empfehlen.»

Nicht zuletzt auch für die Nati. In dieser hat er sich seinen Platz erkämpft und denkt nicht daran, ihn wieder herzugeben. «Ich gebe alles, um bei der Weltmeisterschaft in Brasilien dabei zu sein», sagt Stocker. Er beteuert, nicht mit Sorge nach Deutschland zu blicken, wo die Konkurrenten Josip Drmic und Admir Mehmedi Tore am Fliessband schiessen. «Im Gegenteil, ich mag es ihnen von Herzen gönnen», sagt Stocker.

Eigentlich hat Stocker mit dem FCB ja alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Was treibt ihn an, weiter Höchstleistungen zu erbringen? «Es gibt immer eine Motivation», sagt Stocker. «Nach meiner schweren Verletzung wollte ich zeigen, dass ich nicht schlechter geworden bin. Und jetzt, wo die WM vor der Tür steht, bleibt mir ja gar nichts anderes übrig, als Vollgas zu geben.»

Keine Sättigung

Wie nun gegen Maccabi. «Wenn wir unser Potenzial abrufen, kommen wir weiter», sagt Stocker. Nach dem 0:0 in Tel Aviv braucht der FCB im St. Jakob-Park einen Sieg. Stocker gibt zu, dass in der letzten Woche der Fokus halt vor allem auf das Spiel bei GC und nicht auf jenes bei Maccabi gerichtet worden sei. Dass nach dem Halbfinaleinzug gegen Chelsea in der letzten Saison die Europa League nicht mehr den grossen Reiz ausstrahle, will Stocker nicht bestätigen. «Ich verspüre keine Sättigung; bei mir nicht und beim Team nicht.»

Mit dem Start ins neue Jahr ist er resultatmässig zufrieden. «Wir können aber spielerisch sicher noch zulegen.» Sie seien nach dem Abgang von Salah und den Zuzügen von Suchy und Callà noch in der Selbstfindungsphase, denkt Stocker. «Vielleicht fehlen uns die Überraschungsmomente von Salah, aber unser Dreh- und Angelpunkt ist er ja auch nicht gewesen.» Selber fühlt er sich auf dem aufsteigenden Ast, nachdem ihm eine lästige Wadenverletzung beim Rückrundenstart zu schaffen gemacht hat. «Ich bin froh, wenn dieser Trend anhält», sagt Stocker, «immer in Richtung Brasilien.»