Bedächtig öffnet ein Angestellter das schwere Metalltor des umfriedeten Grundstücks und dem Besucher tut sich ein überraschender Blick in eine Welt auf, die irgendwie gar nicht in diese Gegend mit kleinen Handwerksbetrieben und einfachen Häuschen mit bescheidenen Gärtchen passen will: Vor dem Auge erstreckt sich «Le Paradis du Safran», ein 2,5 Hektaren grosses, gepflegt wirkendes Areal mit einer Vielzahl von exotischen und vertrauten Bäumen, Sträuchern und Kräutern in verschiedensten Farben, einladenden, lauschigen Plätzchen, einem dominierenden Feld, das derzeit gesprenkelt ist von rot leuchtendem Mohn, und einem kleinen, hübschen Lehmhaus. Wir betreten hier im marokkanischen Ourika-Tal 30 Kilometer südlich von Marrakesch das Reich von Christine Ferrari (54), einstige Gemeindeschreiberin von Ziefen und Kaiseraugst.

Und schon kommt die Hausherrin lachend um die Ecke, begrüsst den Schweizer Gast herzlich, parliert kurz mit ihren Angestellten, wobei sie zwischen marokkanisch und französisch hin und her wechselt, um sich dann jede Zeit zu nehmen, in ihr «Paradies» und ihre damit verknüpfte, ungewöhnliche Lebensgeschichte einzuführen.

Raus aus dem Hamsterrad

Ferrari, die den nordafrikanischen Raum bis anhin vor allem aus ihren zahlreichen Ferien in Tunesien kannte, fasste vor sieben Jahren auf einem Trekking in die marokkanische Wüste den Entschluss, ihr Leben zu ändern: «Ich war beeindruckt von der Stille und der Schlichtheit und wusste, ich musste raus aus meinem Hamsterrad. Denn in der Schweiz arbeitete ich wahnsinnig viel, verdiente und konsumierte kräftig, fühlte mich innerlich aber leer.» Zudem sei ihr beruflicher Alltag von meckernden Leuten geprägt gewesen, die sich über Kleinigkeiten aufregten. Ein Mann, so betont die charmante Frau, sei bei ihrem Entscheid entgegen kursierenden Gerüchten aber nicht im Spiel gewesen. Zurück in der Schweiz begann Ferrari, arabisch zu lernen. Parallel dazu fädelte sie den Kauf eines Hauses in Zagora in Marokkos Süden nahe der Sahara ein. Dort wollte sie ein Gästehaus für Touristen einrichten und Wüstentouren anbieten, was bestens in ihren Lebenslauf gepasst hätte: Die gebürtige Riehenerin arbeitete vor ihrer Gemeindeschreiber-Ära in verschiedenen Hotels im In- und Ausland.

Doch nach bereits geleisteter Anzahlung machte Ferrari vor Ort in Zagora eine Erfahrung, die andere gutgläubige Europäer auch schon gemacht haben: Sie wurde übers Ohr gehauen und die vermeintlich schöne Immobilie entpuppte sich als wertlose Ruine. So mietete sie sich eine kleine Bleibe in Marrakesch, bereiste das Land und wusste nicht, was aus ihr werden sollte. Ein Zurück in die Schweiz sei aber nicht zur Diskussion gestanden, sagt Ferrari. Da eröffnete der Zufall eine neue Perspektive: Ferrari konnte 2012 im Ourika-Tal ein grosses, brachliegendes Grundstück pachten. Dort hat sie seither zusammen mit ein paar Berbern ihr «Safran-Paradies» aufgebaut: Sie pflanzten auf zwei Hektaren 600'000 Safranknollen, bauten zwei Brunnen, eine Bewässerungsanlage und einen grossen Backofen aus Lehm, legten einen botanischen Garten mit rund 100 Pflanzen vom Mangobaum über Rosen bis hin zu Gewürz- und Medizinalkräutern sowie einen Barfussweg an und renovierten das kleine Lehm-Wohnhaus.

Sie liefert auch ans «Stucki»

Wieso legte Ferrari das Hauptgewicht gerade auf Safran? «Safran fasziniert mich. Ich hatte schon als Mädchen das Risotto Milanese meiner Mutter geliebt und von einem eigenen Gärtchen geträumt.» Nun, aus dem Gärtchen sind zwei Fussballfelder geworden, auf denen im November zur Safranblüte bis zu 50 Pflückerinnen arbeiten. Ferraris Safran-Ertrag belief sich in den letzten beiden Jahren auf je zwei Kilogramm, was darauf hindeutet, wieso das «rote Gold» das teuerste Gewürz der Welt ist (Details zu Safran in der Box). Das meiste davon, das seit Anfang dieses Jahres übrigens Bio-Suisse zertifiziert ist, verkauft Ferrari vor Ort an die Besucher und an die Spitzen-Gastronomie in der Schweiz. Zu ihren Kunden gehört auch Tanja Grandits, Schweizer Koch des Jahres 2014 und Betreiberin des Basler Esstempels «Stucki», die vor ein paar Monaten zufällig den Weg in Ferraris «Safran-Paradies» fand.

Aber Grandits ist kein Einzelfall: Im letzten Jahr besuchten über 2500 Touristen aus 53 Ländern «Le Paradis du Safran», nahmen dort an Führungen durch den botanischen Garten teil und genossen zu einem Teil auch die hervorragenden Safran-Gerichte aus Ferraris Küche. Der wachsende Touristenstrom ins «Safran-Paradies», der durch Einträge in diversen Reiseführern zusätzlich angekurbelt wird, ist denn auch Ferraris grosse Hoffnung. Denn ihr Paradies weist wie alle Paradiese Schattenseiten auf. Bei ihr ist aber nicht etwa ein verführter Adam der Grund dafür, sondern ein lauernder, millionenreicher Konkurrent: Im Herbst läuft die Pacht ihres Grundstücks, das dem Staat gehört, aus, und sie hat beim zuständigen Ministerium für Islamwissenschaften ein Erneuerungsgesuch eingereicht. Doch ihr Konkurrent, der in der Region als Einziger ebenfalls Safran produziere und dem sie ein Dorn im Auge sei, habe ebenfalls Interesse an ihrem Grundstück, erzählt Ferrari. Sie will nun ihre wachsende Bedeutung als Touristenmagnet in dieser vom Fremdenverkehr eher stiefmütterlich behandelten Gegend in die Waagschale werfen.

Und wenn sie als Verliererin aus dem Wettrennen geht, kehrt sie dann zurück in die Schweiz? «Nein», kommt die Antwort schnell und dezidiert. Und Ferrari ergänzt: «Ich bleibe so oder so hier, weil mir die Mentalität der Leute, die einfache Art zu leben, das Klima und die Natur gefallen. Besonders schätze ich, dass es nie heisst ‹das geht nicht› oder ‹das gibts nicht›, sondern immer wird improvisiert und nach einer Lösung gesucht.»