Hugo Bürki gelang vor zwei Wochen ein Schnappschuss, um den ihn seine Jägerkollegen beneiden. Unterhalb des Hofes Oberfringeli in Bärschwil konnte er aus geringer Entfernung einen Luchs ablichten. Die Raubkatze mit den charakteristischen Pinselohren, dem Backenbart und dem Stummelschwanz lief mitten am Tag über die Weide.

Der Anlass für die sensationellen Aufnahmen aus der Gemeinde im Schwarzbubenland war ein trauriger. Der Präsident der Jagdgesellschaft Bärschwil-Grindel wurde zum Hof der Familie Kündig gerufen. «Ich erhielt einen Anruf, dass ein Schaf von einem Luchs gerissen worden sei», erinnert sich Hugo Bürki. Mit dem Feldstecher spähte er die Stelle ab, an der das tote Nutztier lag. Und tatsächlich kehrte die Raubkatze an den Ort zurück, wo sie in der Nacht zuvor zugeschlagen hatte. Als das scheue Tier den Fotografen bemerkte, zog es sich an den Waldrand zurück, wo es sich hinlegte.

Wollen noch zwei Schutzhunde

Für die Familie Kündig, die den Hof Oberfringeli betreibt, war es in diesem Jahr bereits das dritte Schaf, das einem Luchs zum Opfer fiel. Die ersten beiden Tiere wurden auf einer Wiese weiter unten im Dorf gerissen, das dritte nur wenige Meter vom Bauernhof entfernt. «Nach dem neuerlichen Riss liessen wir die Tiere aus Angst während dreier Nächten nicht raus», erklärt Birgit Kündig. «Dann entschieden wir uns, dass wir etwas machen müssen.» Momentan verbringen rund 50 der insgesamt 400 Schafe die Nacht wieder unter dem Sternenhimmel.

Bewacht werden sie dort neuerdings von einem weissen Pyrenäenhund, der seit einigen Tagen in Bärschwil nach dem Rechten sieht. Der grosse haarige Vierbeiner ist auf die Verteidigung und den Schutz von Herden spezialisiert. Die Familie hat den Hund kurz nach dem dritten Angriff vom Herdenschutz Schweiz erhalten. Mittlerweile hätten sich die Schafe an den Wächter gewöhnt, sagt Kündig. «Da wir schon bald wieder mehr Tiere nachts weiden lassen möchten, ist geplant, dass wir uns noch zwei weitere Herdenschutzhunde anschaffen.»

Rehbestand ging deutlich zurück

Im Schwarzbubenland und im Kanton Baselland leben rund zehn Luchse. In der ganzen Schweiz sind es insgesamt 170 Tiere, von denen die meisten im Jurabogen und in den Alpen umherstreifen. Dort sind sie vor allem in grossen Waldarealen mit dichtem Unterholz unterwegs. Das Gebiet Bärschwil-Grindel ist in den vergangenen Monaten immer wieder als Hotspot der Raubkatze aufgefallen. Auf der Hauptstrasse, welche in die 500-Seelen-Ortschaft Grindel führt, konnte ein Postauto-Chauffeur im November ein Video eines aussergewöhnlichen Kampfes drehen. In der Nacht verbiss sich ein junger Luchs in einen Fuchs und liess ihn nicht mehr los. «Letzten Herbst sah ein Passant auf dem Fringeliberg eine Luchsin mit ihren drei Jungen», sagt Hugo Bürki. Der Jäger konnte selber bereits mehrere Male einen Luchs bei der Jagd beobachten.

In den beiden Nachbardörfern Bärschwil und Grindel sind die Auswirkungen des Luchses deutlich zu spüren. «Wir mussten im vergangenen Jahr einen Rückgang des Rehbestands um rund 50 Prozent feststellen», erklärt Bürki. In einigen Gebieten gebe es überhaupt keine Rehe mehr. «Da der Bestand an Wild dezimiert ist, reisst der Luchse auch Schafe», vermutet der Jäger. Nichtsdestotrotz sei die Stimmung in seiner Jagdgesellschaft gegenüber dem Luchs noch immer grösstenteils wohlwollend.

Zwei tote Schafe in Roggenburg

«Es gibt jedoch auch bei uns kritische Stimmen», erklärt Bürki. Auch wenn er betont, dass «unsere Jagdgesellschaft nicht scharf darauf ist, einen Luchs abzuschiessen», schliesst er einen Abschuss des majestätischen Tieres nicht aus. Dafür müssten gemäss Bundesamt für Umwelt mindestens 15 von einem Luchs gerissene Nutztiere in einem Umkreis von fünf Kilometer innerhalb eines Jahres nachgewiesen werden. Ob es in Bärschwil dereinst so weit kommt, ist momentan nur sehr schwer abzuschätzen. Bürki betont, dass die Abschussbewilligung vom Bund ausgesprochen werde und sich die Jagdgesellschaft Bärschwil-Grindel selbstverständlich daran halte.

Das letzte Mal ist im Jahr 2004 in den Alpen eine Abschussbewilligung für einen Luchs erteilt, aber nicht eingelöst worden. 2016 sind in der gesamten Schweiz 37 Nutztiere getötet worden, darunter zwei Schafe im Laufentaler Dorf Roggenburg. Im Kanton Solothurn wurden zwei Geissen und zwei Schafe Opfer eines Luchses. Bei ihren Attacken geht die Raubkatze immer gleich vor: Sie lauert ihrer Beute auf und tötet sie mit einem gezielten Biss in die Kehle.

Stabile Population in der Schweiz

In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde der einst ausgerottete Luchs in der Schweiz wieder angesiedelt. Seither war es dem Tier möglich, eine stabile Population zu entwickeln. Die Chancen, eine Raubkatze zu sehen, sind am grössten, wenn man sich bei Einbruch der Dunkelheit auf die Lauer legt.