Das hat René Roth in seiner 20-jährigen Karriere als Lehrer am Gymnasium Liestal noch nie gemacht: Er hat vor ein paar Tagen wenige ausgewählte Medien auf eine «bemerkenswerte» Maturarbeit hingewiesen mit der Bitte, diese zu würdigen.

Roth schwärmt: «Das ist eine erstaunlich umfassende Arbeit mit mikro- und makroökonomischen, wirtschaftspolitischen und wirtschaftshistorischen Aspekten, Alternativen und Berechnungen. Sie enthält mehr Reflexionen als manche Bachelor-Arbeit. Ich habe eine blanke Sechs dafür gegeben.»

Und was Roth besonders imponiert: Der Autor habe seinen eigenen Standpunkt hinterfragt und eine Kursänderung vollzogen, ohne aber seinen Grundsätzen untreu geworden zu sein.

Der Autor ist Joël Bühler aus Liestal. Der 18-jährige Wirtschaftsgymnasiast befasste sich in seiner Maturarbeit mit dem bedingungslosen Grundeinkommen an alle Personen in der Schweiz, wie es in einer letzten Herbst eingereichten Volksinitiative gefordert wird. Bühler ging dabei der Fragestellung nach: «Bedingungsloses Grundeinkommen - sozial und effizient?»

Die Idee, ein existenzsicherndes Grundeinkommen für alle, ob jung oder alt, ob gebrechlich oder fit, ob erwerbstätig oder nicht, einzuführen, habe ihn angesprochen, sagt Bühler zur Motivation für die Themenwahl. Und er fügt an: «Ich finde, die einfachen Leute profitieren zu wenig vom Fortschritt und die Forderung nach einem Grundeinkommen klang für mich nach einer reizvollen Alternative zum heutigen System. Zudem leuchteten mir die Argumente der Befürworter ein.»

Frauen reduzierten Arbeit massiv

So begann Bühler vor einem Jahr zu recherchieren und fand heraus, dass es schon kleinräumige Versuche mit bedingungslosen Grundeinkommen gab - mit unterschiedlichen Folgen. Im Entwicklungsland Namibia etwa bewirkte ein kleiner Zustupf an alle Bewohner eines Orts praktisch nur Positives: Unter anderem nahm die Zahl der unterernährten Kinder stark ab, es gab viel weniger Schulabbrüche, die Erwerbsquote bei den über 15-Jährigen stieg und es kam zu weniger Straftaten.

Bei einem Experiment in den USA fiel hingegen auf, dass die Erwerbsquote mit einem Grundeinkommen zurückging. Dies mit fast einem Viertel am stärksten bei den verheirateten Frauen, die offensichtlich andern Beschäftigungen nachgingen.

Auch in der Schweiz würde ein Grundeinkommen den Anreiz zu arbeiten schmälern, erläutert Bühler und kommt auf den eigentlichen Kern seiner Arbeit zu sprechen - seine Berechnungen von zwei verschiedenen Finanzierungsmodellen eines Grundeinkommens.

Bühlers Zahlen sind monströs: Erhalten alle Erwachsenen in der Schweiz ein Grundeinkommen von 2500 und alle Kinder von 625 Franken pro Monat, wie es die Initianten vorschlagen, würde das jährlich rund 200 Milliarden Franken kosten. Im Gegenzug würden AHV, IV, Sozialhilfe und weitere Versicherungswerke um etwa 50 Milliarden Franken entlastet, sodass laut Bühlers Hochrechnung ein Loch von 150 Milliarden Franken zu decken wäre.

Mit der Variante Einkommenssteuer hiesse das, diese durchschnittlich auf 60 Prozent zu erhöhen. Für Bühler ein volkswirtschaftliches No-go: «Bei dieser Finanzierungsart würden viele Menschen den Arbeitsmarkt verlassen oder die Arbeitszeit reduzieren. Damit sinken Produktion und Erwerbseinkommen und mit Letzterem wiederum die Finanzierungsgrundlage für das Grundeinkommen.»

Die zweite mögliche Finanzierungsquelle, die Bühler untersuchte, ist die Mehrwertsteuer. Bühler: «Diese muss auf 55 Prozent erhöht werden, um das Finanzierungsloch zu decken. Das führt zu einer Teuerung, das wiederum zu einer Erhöhung des Grundeinkommens, um das Existenzminium weiterhin abdecken zu können. Mehr Grundeinkommen bedingt aber wieder mehr Steuereinnahmen und so dreht und dreht sich die Negativspirale.» Zugleich sinke das Erwerbseinkommen, weil die Löhne nicht um die volle Teuerung erhöht werden könnten, und damit auch der Anreiz zu arbeiten.

Bühler kommt zum Schluss: «Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Volkswirtschaft zutiefst schädigen und zu Wohlstandsverlust für alle führen. Und es ist unsozial, weil zum Beispiel ein Paar mehr und eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern weniger erhält als das Existenzminimum.»

Heutiges System zu bürokratisch

Der adrette junge Mann erklärt gekonnt, redet sich immer mehr ins Feuer, gestikuliert mit den Händen - ein kommender Politiker? «Die Politik ist mein grosses Hobby vor dem Sport und ich bin aktiv im Vorstand der Juso Baselland und der SP Liestal.» Bühler will im nächsten Jahr «mit geringen Chancen» für den Landrat und im übernächsten «mit grösseren Chancen» für den Liestaler Einwohnerrat kandidieren.

Er erklärt sich seinen Hang zur Politik so: «Ich bin in einer politischen Familie aufgewachsen. Mein Grossvater war Gewerkschafter, meine Mutter grüne Einwohnerrätin in Liestal und mein Onkel CVP-Grossrat in Basel.»

Und er ergänzt: «Der Entscheid fürs Wirtschaftsgym war einer meiner besten im Leben. Denn gerade als Linker, der etwas verbessern will, kann man nicht genug über die Wirtschaft wissen.» Einen Verbesserungsansatz hat er im Verlaufe seiner Arbeit bereits entdeckt, der gar nicht so weit weg vom Grundeinkommen ist: eine negative Einkommenssteuer. Will heissen, dass jene Haushalte, die ein gewisses Einkommen unterschreiten, Steuergutschriften erhalten. Bühler: «Wir müssen auf jeden Fall weg vom heutigen bürokratischen System. Armut genügt als Bezugsgrund für Sozialleistungen.»