Baggerzähne nagen am Basler Rathaus, das bereits zur Hälfte abgerissen ist. Mit Dynamit wird am Bahnhof SBB der Turm der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in die Luft gesprengt. Die Kaserne ist eine riesige Baustelle – und natürlich die «Basler Zeitung» am Aeschenplatz. Die technisch gelungenen Fotomontagen zeigen ein drastisches Bild der Basler Innenstadt.

Ein Raunen geht durch das Premieren-Publikum am Drummeli, dem grossen Stelldichein der Fasnächtler vor den drey scheenschte Dääg.

Ganz klar: Basels Baustellen – neben den grossen wie Roche-Turm und Kunstmuseum auch die unzähligen kleinen Gruben – werden nicht erst am Cortège das Sujet Nummer eins sein; nein, sie bilden auch den Rahmen für die grösste prestigeträchtigste Vorfasnachtsveranstaltung.

Politisch nicht sehr gewagt, aber viel Wortwitz

Allfällige Befürchtungen, im Spott der Fasnächtler könnte sprichwörtlich kein Stein mehr auf dem anderen bleiben, sind allerdings unbegründet: Die Rahmenspiele am Drummeli strotzen vor Wortwitz, bleiben aber politisch eher zahm – abgesehen von den erwarteten Seitenhieben auf Baudirektor Hans-Peter Wessels, dessen schallendes Lachen übrigens im Premieren-Publikum klar identifiziert werden kann.

Die grösste Sorge bleibt denn auch, dass die Baustellen die drey scheenschte Dääg behindern könnten: Man kriegt Mitleid mit dem Pierrot (Marcel Mundschin), der vors Publikum tritt und zu seinem Prolog für den Morgestraich ansetzt («Es isch sowyt»), aber zunächst von hämmernden Bauarbeitern und einer Durchsage der BVB-Leitstelle gestört – und schliesslich unsanft in einer Baugrube entsorgt wird. Es ist dies der Running Gag und inhaltliche Klammer des Rahmenspiels.

Die moderne Frau

Daneben dominieren andere Themen – zum Beispiel die Rollen von Mann und Frau in Zeiten der Geschlechterquoten: «Telebasel»-Wetterfee Susanne Hueber hat als gestresste Velokurierin und Mutter in «Frau sy hützedaags» einen gelungenen Einstand.

Tolle Kinder haben, in einem Loft leben, Kochen wie Tanja Grandits und aussehen wie Kate Moss, Spass haben beim Sex, keine Depressionen, auf die Malediven in die Ferien fliegen, obwohl gar keine Lust am Tauchen – die Frau von heute kann die an sie gesellten Anforderungen kaum erfüllen. Doch den irritierten Männern gehts nicht besser: «Wenn isch e Maa e Maa?», singt der beleibte Macho-Bauarbeiter (Hugo Buser) Grönemeyer zitierend und schiebt nach: «Wenn er sini Sitzigsgälder bhalte ka.»

Das Drummeli strotzt nur so von solchem Wortwitz. Dialoge, die Reibung erzeugen, sind allerdings rar. Mit einer grossen Ausnahme: In der Balkon-Szene hält die snobistische Zürcherin (herrlich: Heidi Diggelmann) mit Cüpli in der Hand den Bebbi den Spiegel vor: «Wäge dene paar Elsässer und Schwabe, wo bi Eu i dr Migros a dr Kasse hogget, sin Dir no lang nöd international.» Oder: «Wänn d Frau Oeri nid immer Gäld würd springe la für tolli Projäkt, chönnted ihr mit Wintersinge fusioniere.»

Die beiden Bauarbeiter (Hugo Buser und Kurt Walter) reagieren auf die nervige Ziri-Schnuure zunächst pikiert, setzen dann aber zum Credo an: «Hesch rächt, es isch e grosses Dorf. Alli wurschtle vor uns ane, und doch isch es die schönschti Stadt vo dr Wält. Mir Basler hän e grossi Schnuure – jä, stimmt. Aber weisch was: Das macht uns us. Mir hänn Witz, sin schnäll in der Biire und s Härz am rächte Flägg.» Und wesentlichen Anteil daran hat die Fasnacht als dreitägiges reinigendes und die Gesellschaft einendes Gewitter. Das fehlt den Zürchern!

Weniger Bezug zum Baselbiet

Nicht mehr so präsent wie letztes Jahr ist am Drummeli das Verhältnis zum Baselbiet. Es bleibt beim Auftritt vom «Phantom vo dr Landschaft». Der Oberbaselbieter Florian Schneider versucht im Musical Theater – also sinnigerweise da, wo er vor Jahren grosse Erfolge feierte – sein Rotstab-Lied anzustimmen. Von den hemdsärgemligen Bauarbeitern wird er nolens volens in einem Baucontainer entsorgt – samt Rotstab.

Als Volltreffer erweist sich die Einbettung des 22-jährigen Slam Poeten Laurin Buser ins Drummeli. In regelrechten Wortsalven beschreibt er das Tete-a-Tete mit einer Angebeteten, das ausser Kontrolle gerät, als sie ihm eröffnet, sie sei Vorträblerin. Die beiden Kurzauftritte Busers deuten an, in welche Richtung das Drummeli sich in den nächsten Jahren weiter entwickeln könnte.

Aber auch bei den Cliquen-Auftritten macht der Nachwuchs eine gute Falle: Die Jungi Garde der Spale-Clique nimmt das Baustellen-Thema mit den Rhythmen von Ravels «Bolero» auf. Grosser Applaus gleich zu Beginn über dreistündigen Drummeli-Marathons. Farbenfroh und verspielt präsentieren sich die Muggedätscher mit der «Brimmeli-Retraite. Die Sprösslinge geben auf dem Pausenplatz mit Basketbällen den Takt an.

Die Bühnenbilder, welche die Cliquenauftritte begleiten, sind teilweise schlicht grossartig: So etwa die Schattenbilder, welche die Pfluderi für die «Renaissance vom Totentanz» auf die Leinwand zaubern. Simpel, aber witzig der Auftritt der Guggemuusig Mohrekopf, die in einer Abfolge unzähliger Fotos ein Cliquenmitglied im nagelneuen Stamm-Goschdym vom Glaibasel via Fähri ins Grossbasel und von dort bis nach Laufen spazieren lassen – um einen Mohrenkopf aus der berühmten Schoggifabrik zu schlemmen.

007 Soundtrack

Nach der Pause jagen sich die Höhepunkte: Die Goldpfyffer und Skydrummler des Central Club Basel intonieren Titelmelodien von Bond-Filmen, während sich auf der Leinwand ein Waggis ins 007-Intro verirrt. In seiner Opulenz beeindruckt das mittelalterliche Dekor zum 699-Jahr-Jubiläum der Schlacht von Morgarten: Die Aagfrässene stellen mit Hilfe der BMG-Pfyffer die Schlacht zu Rossinis «Guillaume Tell» in allen Einzelheiten nach. Noch einen drauf setzen die Basler Bebbi in Darth-Vader-Larven mit ihrer Adaption des «Star Wars»-Themas - inklusive Vorspann des Filmstudios «20th Century Fox».

Andere präsentieren sich nachdenklich. Der Barbara Club erinnert an kriegerische Ereignisse der letzten 100 Jahre, die mit dem schicksalshaften 1914 ihren Anfang nahmen. Der passende Marsch «Ryslaifer» - so nannte man im Mittelalter Schweizer Söldner - schliesst eindringlich: «E friidligi Fasnacht winscht dr Barbara Club.»

Nahtlose Übergänge

Fazit: Das Drummeli ist temporeich inszeniert, Rahmenspiele und Cliquen-Auftritte gehen nahtlos ineinander über. Die Stiggli sind kurz gehalten und fungieren teilweise eher als Intermezzi denn als vollwertige Beiträge. Auch deshalb bleiben einige Stiggli ohne echte Pointe. Die Bühnenbilder sind grandios - da haben Regisseurin Bettina Dieterle und die Cliquen ganze Arbeit geleistet. Auch wenn dem Jahrgang 2014 etwas Schärfe und Biss fehlen: Visuell und akustisch ist das Drummeli ein Erlebnis.