«Aus dir wird nie etwas!» Das musste sich Paul Richener, früher Verdingbub in Nusshof, heute Gemeindepräsident, als Kind oft anhören. Das ist auch der Titel, den er über seine Kindheitsgeschichte setzt. Gemeinsam mit der Autorin Dorothee Degen-Zimmermann hat er diese in Buchform herausgebracht und an der Vernissage am Mittwoch in Basel präsentiert.

Herr Richener, was hat Sie getrieben, dieses Buch herauszubringen?

Paul Richener: Das Thema Verdingkinder kam vor einigen Jahren wieder zur Sprache, als der Bund eine offizielle Entschuldigung an die Betroffenen aussprach. Das ist ja schön und gut, habe ich mir gedacht, aber die Leute wissen gar nicht, was da genau passiert ist. Zu dieser Aufklärung möchte ich etwas beitragen. Es gibt viele Geschichten wie meine, aber jede einzelne ist doch anders, und ich hoffe, dass so viele wie möglich bekannt werden, damit die Leute Bescheid wissen.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Autorin?

Es war nicht immer einfach, über meine Erlebnisse zu reden. Aber die Autorin war sehr rücksichtsvoll. Wir haben das in kleinen Schritten gemacht, damit ich zwischendurch Zeit hatte, mich wieder zu beruhigen. Es war auch nicht ganz einfach auszuwählen, welche Geschichten ich erzählen sollte und welche nicht. Das Buch ist in dieser Hinsicht rudimentär, denn ich könnte von jedem einzelnen Tag sehr traurige Dinge erzählen. Aber das würde zu gross, und darum geht es auch nicht.

Worum geht es dann?

Es geht darum, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die bestimmen konnten. Zu dieser Zeit mussten viele hart arbeiten. Das war nicht immer gerecht, aber auch die Pflegefamilien, die mich geplagt haben, sind wahrscheinlich so erzogen worden. Es bringt nichts, ihnen das heute vorzuwerfen. Mein Groll richtet sich gegen die Behörden, die die Zustände zwar kontrollierten, aber trotzdem nicht eingriffen.

Heute sind Sie Gemeindepräsident. Fliessen Ihre eigenen Erfahrungen in Ihre Arbeit ein?

Schon während meiner Zeit als Ausbildner bei der Polizei warf man mir vor, ich sei zu lieb. Niemand dort wusste über meine Vergangenheit Bescheid, aber es machte sich auch niemand die Mühe nachzufragen. Und als ich 2000 bei der Gemeinde anfing, gehörte auch das Präsidium der Vormundschaftsbehörde zu meinen Aufgaben. Ich hatte mit zwei Fällen zu tun. Es war mir wichtig, dass die Jugendlichen mitreden durften, und ich weiss, dass es beiden heute sehr gut geht.

Warum sind Sie bis heute in Nusshof geblieben?

Ich will Nusshof nicht schlecht hinstellen. Ich war dort halt nicht daheim, und das brachte mir viel Kummer. Aber eigentlich habe ich dort noch die beste Zeit verbracht. Die Umgebung gefiel mir, und ich hatte etwas mehr Freiheit. Ausserdem hätte ich nicht gewusst wohin sonst. Ich habe heute eine gute Beziehung zu der Familie, bei der ich Verdingbub war. Die konnten schliesslich nichts dafür, dass es damals so war.

Sie mussten auch eine Zeit im Jugendgefängnis verbringen.

Ich weiss bis heute nicht, warum man mich dorthin gesteckt hat. In den Akten steht zwar viel darüber, was ich alles falsch gemacht habe, aber nicht, warum ich überhaupt dort war. Vor ein paar Jahren, als die Zeitungen meine Geschichte aufnahmen, hat sich mein alter Lehrmeister von damals gemeldet. Er hat mir erzählt, dass die Mitarbeiter auch nicht wussten, wer aus welchem Grund dort war. Es gab Mörder und Vergewaltiger, und ich unter ihnen. Alle wurden gleich behandelt. Keiner hat da nachgefragt.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von dem Buch?

Es soll keine Abrechnung sein, sondern ein Aufzeigen. Einerseits überlegen sich vielleicht dann Leute, die mich kennen, aber von der Geschichte nichts wussten, warum ich so bin, wie ich bin. Und sonst ist es mir wichtig zu zeigen, dass damals einfach bestimmt wurde, und dass einen das ein Leben lang prägt. Man verliert seine Selbstsicherheit und seinen Selbstwert, denn das war nie gefragt. Dadurch hat man Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen Menschen. Das muss man erst einmal überwinden. Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen, zu ihrer Geschichte zu stehen.

 

«Aus dir wird nie etwas!» von Dorothee Degen-Zimmermann, ISBN 978-3-85791-830-8