Eiertätsch und los. Der Sissacher verliert das Duell. Und das heisst: Das Ei muss weg. Darum jagt der erste Gelterkinder bereits über die Bahn in der Begegnungszone, dem sogenannten Strichcode, während der Sissacher das Ei schmatzend vertilgt. Immer noch kauend rennt er bereits dem ersten Rückstand hinterher. Dieser wird sich für sein Team vergrössern.

Es beginnt mit einem Knall

Es ist Eierläset in Sissach, und der beginnt traditionell mit einer unscheinbaren Kanone in Knöchelhöhe, deren Knall den Showdown auch dem Hinterletzten verkündet. Es geht um das ewige Duell zwischen den ewigen Rivalen, zwischen Sissach und Gelterkinden, den Zentrumsgemeinden, ausgetragen von deren Turnvereinen. Gastgeber ist seit eh und je Sissach, «die Gelterkinder sind eigentlich nur Konsumenten», sagt Markus Speiser, Präsident des TV Sissach, grinsend. Der Rückstand seiner Schützlinge wächst.

Diese Spitzen gehören dazu. Natürlich unterstreicht Speiser damit auch die Tatsache, dass den Sissachern das Organisatorische obliegt, Gelterkinden ist Gast. So sammelten die Sissacher während dreier Abende in 16 Vierergruppen über 2000 Eier. Den Rest von ihnen gibt es nach dem Zieleinlauf im Altersheim Mülimatt als Rühr- und Spiegelei – gratis fürs ganze Dorf. Doch 350 Eier, roh wie gekocht, fanden sich gestern im Strichcode wieder, aufgereiht in zwei Bahnen, gebettet auf Spreu, 175 Eier für je zwölf Turner aus allen Altersklassen.

Sie gilt es zu «läse», die Spielarten, die das erschweren, sind mannigfaltig. Auf Ski oder mit rollendem Pneu. Zu zweit unter XXXL-Shirts oder auf Pedalo, Bürostuhl, mit zusammengebundenen Beinen oder in einer Schubkarre. Eine Handvoll Duelle zwischen den Akteuren von Frauen- und Männerriege findet gar mit verbundenen Augen statt.

Ein Hexenkessel

Obwohl die Sissacher punkto Schwierigkeitsgrad und Variation aus dem Vollen schöpfen konnten, hält sich ihr Rückstand. «Ihr müsst eure Fans mobilisieren», fordert Martin Thommen, Präsident des TV Gelterkinden, sein Pendant Speiser auf. Und der lässt sich nicht zweimal bitten: «Hopp Sissach!», ruft er, und schnell hallt es wiederholt aus vereinten Kehlen. Der Rückstand schrumpft.

Dann kocht die Begegnungszone zwischen «Stöppli» und «Cheesmeyer» plötzlich, ein Hexenkessel unter blauem Himmel, der Schweiss fliesst, die Schritte werden kürzer, die Wege weiter. Anfeuerungsrufe überschlagen sich, Kinder klatschen, und Rentner verwerfen die Stöcke. Eierläset, das ist Motivation bis in die Fingerspitzen, Verausgabung bis zum Letzten und schliesslich beste Unterhaltung mit ordentlich Tradition. Der Rückstand schrumpft weiter. Dann sind die Ski dran, vier Turner auf einem Paar, die Hände auf den Schultern. «Rechts, links», hallt es in militärischer Strammheit, «hopp, hopp», untermalt das Spalier aus Hunderten. Jedes Ei, das es nicht heil in den mit Spreu gefüllten Korb schafft, wird ersetzt.

Das dehnt das Duell auf knapp eineinhalb Stunden Dauer – und gibt den Sissachern Hoffnung. Die sind nämlich an ihren Gegnern dran, ein Duell auf Augenhöhe, dann fällt die Entscheidung, knapp und doch deutlich genug: Der TV Sissach hat den Spiess umgedreht.