Irgendetwas zwischen Art Center, Einkaufszentrum und der Lobby eines Luxus-Hotels. Der neue FHNW-Campus in Muttenz ist durchgestylt. Wer den braunen Würfel betritt, hat nicht den Eindruck, in einem Schulgebäude gelandet zu sein. Kommt die Metallfassade noch einigermassen konventionell daher, ist der 65-Meter hohe Kubus im Innern ein Erlebnis.

Immer wieder bleibt der Blick hängen – an den Sitzflächen im Atrium, die aussehen wie riesige Pappteller auf Stelzen, an den Barhockern der Cafeteria im obersten Stock: Die Sitzflächen sind an den Rändern nach oben geknickt. Das Supplement des Neubaus ist der Dachgarten. Dort gibt es auch ein randloses Wasserbecken, einen sogenannten Infinity-Pool. Ein Student geht vorbei, schaut ins dunkle Wasser und sagt zu seinem Kollegen: «Ich dachte, da hats Koi-Fische drin.»

FHNW-Neubau: Einmal von oben nach unten im Schnelldurchlauf.

FHNW-Neubau: Einmal von oben nach unten im Schnelldurchlauf.

Nein, teure Zierfische hat die FHNW keine angeschafft. Aber sie hat ansonsten keine Mühen gescheut, dass sich die rund 3500 Studierenden wohl fühlen im jüngsten Bau des Hochschulverbunds. Sie werden umsorgt. Der Kubus ist eine eigene kleine Stadt. Neben einer Mensa und mehreren Cafeterias erwarten die Studenten ein Fitnessraum und im Erdgeschoss eine Coop-Filiale. Was am meisten auffällt am Neubau, der rund 300 Millionen Franken gekostet hat: die grossen Seminarräume, die in den Sockelgeschossen untergebracht sind. Sie haben keine Wände. Stattdessen können sie mit riesigen, an der Decke montierten Vorhängen voneinander abgetrennt werden. So sind frei variierbare Raumgrössen möglich.

Vorlesung als «Social event»

Armin Thalmann sitzt in einem dieser Räume und wartet auf seine Studenten. «So habe ich noch nie unterrichtet», sagt der Mathematik-Dozent, der in Bern wohnt. Die neue, wandlose Form biete ganz neue Möglichkeiten. «Das frühere Modell war so: Vorne steht der Dozent und betet sein Skript herunter – hinten sitzen die Studierenden, die stumm mitschreiben. Das ist vorbei. Heute muss man Inhalte anders vermitteln.» Er gehe so vor, dass er die Studierenden auch immer wieder selber etwas erarbeiten lasse, etwa in Gruppen. Thalmann spricht von einem «moderierten Plenum». Heute müsse eine Lehranstalt für einen «Social Event» sorgen, also einen Raum zur Verfügung stellen, der für Austausch und Dialog geeignet sei.

Das sagen die Studis zum FHNW-Neubau

Das sagen die Studis zum FHNW-Neubau

Erster Studientag in der neuen Fachhochschule in Pratteln. Das sagen der Basler Erstsemestler Benjamin Schwob (25) und die Fünftsemestler Dennis Schaub (23) aus Ziefen und Anjuscha Bircher (21) aus Wölflinswil zum neuen FHNW-Komplex.

«Das Wissen selbst», sagt Thalmann, «also das Lehrmaterial und die Vorlesungsskripte, das alles haben die Leute ja schon. Dafür müssen sie nicht den Weg zum Campus unter die Füsse nehmen.»

Der Weg – das ist ein wichtiges Stichwort beim neuen Muttenzer Fachhochschul-Zentrum. Es vereint fünf Hochschulen unter einem Dach. Die Studierenden wohnen in vier Kantonen, ein Teil reist von der anderen Seite des Passwangs in die Basler Agglomerationsgemeinde.

Doch auch für diejenigen, die in den beiden Basel zu Hause sind, hat sich verkehrstechnisch nicht in jedem Fall etwas verbessert mit dem neuen Standort. Ein Pädagogik-Student sagt, er wohne im Oberbaselbiet. Am früheren Standort der Pädagogischen Hochschule in Liestal habe er abends pro Stunde vier Schnellzüge zur Auswahl gehabt. Nun müsse er sich mit der halbstündigen S-Bahn begnügen.

So sieht der neue FHNW-Campus in Muttenz aus

So sieht der neue FHNW-Campus in Muttenz aus

Neue Schnellzug-Halte in Muttenz

Die FHNW und die SBB waren sich schon lange bewusst: Mit dem neuen Hochschulzentrum verändern sich auch die Passagierströme. Der kleine Muttenzer Bahnhof könnte von FHNW-Angehörigen überrannt werden, wenn alle zur gleichen Zeit eintreffen. Zusammen mit dem Kanton Baselland verkündeten die SBB im Herbst 2017, dass künftig zwei Schnellzüge aus Olten vormittags einen Halt in Muttenz einlegen würden, um wenigstens die Spitzen am frühen Morgen zu brechen.

Die SBB haben das Versprechen gehalten. Von Olten her hält der Schnellzug um 8.39 und um 9.39 in Muttenz. Die FHNW hat ebenso ihren Beitrag geleistet. Der Beginn der ersten Lektionen am Morgen ist so gestaffelt, dass nicht alle Studierenden auf einmal in Muttenz einfallen.

Am heutigen Eröffnungstag musste sich das Orientierungssystem bewähren. Es sorgte schon im Vorfeld für Aufsehen. Beim Besuch der bz im Juli verlief sich der Journalist gemeinsam mit dem FHNW-Vertreter im fast fertigen Gebäude – die Reportage erhielt danach in der gedruckten Ausgabe den Titel: «Das grösste Labyrinth der Region». Dabei haben sich die Architekten ein ausgeklügeltes Orientierungssystem ausgedacht. Neben dem Stockwerk und der Nummer wird für jeden Raum auch noch eine der vier Himmelsrichtungen angegeben.

Zumindest am Montag blieb das erwartete Chaos aus. Dafür sorgten nicht zuletzt die zwanzig freundlichen Menschen in neon-gelben Westen mit dem Aufdruck «Bildungslotsen»: Die jungen Helfer führten Verirrte auf den rechten Pfad zurück.