Für Nicht-Zürcher sei das Sechseläuten genauso schwierig zu verstehen wie für Nicht-Basler die Fasnacht. Das sagen Eingeweihte, die es eigentlich wissen sollten. Nun gut, den Bestseller-Roman «Sechseläuten» hat ein Basler geschrieben, der Ex-Banker und Schriftsteller Michael Theurillat. Und der traf den Ton und den Beschrieb des gesellschaftlichen Stellenwerts ziemlich genau, den das alljährliche Verbrennen des Böögg in der Zürcher Zunftstadt hat.

Fettnäpfe für Aussenstehende gebe es trotzdem nur wenige, in die man hineintrampeln und sich restlos blamieren könne, tröstet Andreas Weidmann, der Sprecher des verantwortlichen Zentralkomitees des Zürcher Zünfte (ZZZ). Der Schlimmste sei noch, wenn man Zünftler statt Zünfter schreibt, wie die Bezeichnung für die hohen Herren der Stadtzürcher Gesellschaft korrekt lautet.

Salve Zürich!

Inmitten dieser feinen, wohlgesitteten Herrschaft hielt sich der hemdsärmelige Reinacher Jörg Krähenbühl ganz ausgezeichnet, als er gestern an der offiziellen Medienorientierung für den Gastkanton Baselland sprach. Natürlich freue sich das Baselbiet und sei stolz darauf, an einem der bekanntesten Festanlässe der Schweiz dabei sein zu dürfen. Unter dem Motto «Salve Zürich, s’Baselbiet isch Füür und Flamme» stellte der Baselbieter Regierungspräsident umgehend die Verbindung zwischen der Chienbäse-Stadt Liestal und der Sechseläuten-Stadt Zürich her; auf Augenhöhe von Feuerbrauch zu Feuerbrauch sozusagen.

Der zweite Landschreiber Alex Achermann erlaubte sich sogar den Spass, bei der Vorstellung des Baselbieter Programms den Böögg mit einem hineinretuschierten Chienbäse in der Hand zu zeigen. So weit wird es am Montag, den 11.April, nicht kommen, wenn Krähenbühl um 18 Uhr persönlich den Scheiterhaufen anzünden darf, auf dem der Kopf des Wintersymbols möglichst rasch explodieren soll. Aber in den Tagen davor werden rund 20 Feuerbesenträgerinnen und -träger in Zürich aufmarschieren, um einen Hauch von Chienbäse in die Zwingli-Stadt hineinzubringen.

Augusta Raurica in Zürich

Überhaupt lässt sich das Baselbiet nicht lumpen, wenn es darum geht, als offizieller Sechseläuten-Gastkanton seine Kirschstängeli-Seite im fernen Zürich zu präsentieren. Dem Verbrennen des Böögg auf der Sechseläutewiese beim Bellevue geht ein dreitägiges Volksfest voraus, für das Baselland seine Römerstadt Augusta Raurica auf den Zürcher Lindenhof exportieren wird. Wie während des Augster Römerfests werden in Zürich Mitarbeitende von Augusta Raurica verschiedene historische Präsentation und Workshops beaufsichtigen, die das altrömische Leben wieder aufleben lassen. Römische Musik und eine Legionärsschule gehören ebenso dazu wie römische Gastronomie und Spiele. Und wenn sich dadurch die eine oder andere Zürcher Familie ans richtige Römerfest im August in Augst anlocken lässt, dann umso besser.

Gut investiertes Geld

Für die Baselbieter Regierung ist klar, dass die rund 500000 Franken für den Anlass gut investiertes Geld sind. Vom Aufwand her wird der Auftritt am Sechseläuten den letztjährigen Gastauftritt an der Olma sogar noch übertreffen. Neben den Schwerpunkten Chienbäse und Augusta Raurica werden am Sechseläuten-Umzug selbst auch die Nünichlingler aus Ziefen, eine Banntagsabordnung aus Liestal sowie weitere Folkloregruppen das Baselbieter Brauchtum vorstellen.

Am Kinderumzug vom Sonntag werden über 300 Baselbieter Schülerinnen und Schüler in historischer Tracht mitlaufen. Eine bessere Gelegenheit für derart viel Tourismuswerbung vor laufenden Live-TV-Kameras wird der Landkanton in absehbarer Zeit kaum erhalten.

Feuer legen in Zürich

«Die Linken hassen das Sechseläuten, weil es die konservative Herrschaftsschicht der Zürcher Gesellschaft repräsentiert», weiss die Zürcher Journalistin Isabella Seemann, «aber man tut dem Anlass Unrecht, ihn nur unter diesem kritischen Aspekt zu beurteilen.» Der SVP-Regierungsrat hat damit bestimmt keine Probleme. Offensichtlich machte dem Baselbieter Regierungspräsidenten sein Auftritt im ehrenwerten Zunfthaus zur Waag Spass. «Für mich ist es spannend, das hier einmal miterleben zu dürfen», freute sich Krähenbühl. Denn so schnell wird ein Baselbieter nicht mehr die Gelegenheit erhalten, eigenhändig Feuer an einen Zürcher zu legen.