«Immer das Gschiis», ist ein typischer Satz von Anny Fröhlich. Wer den Film «Von heute auf morgen» gesehen hat, erinnert sich sicherlich an sie und ihre unverblümte Sprache. Fröhlich war eine von vier alten Menschen, die 2013 in einem Dokumentarfilm über das Altern mitwirkten. Der Sissacher Frank Matter von der Soap Factory in Basel hatte Regie geführt. Fröhlich und die anderen wehrten sich darin mit beissendem Humor und einer gewissen Sturheit gegen den zunehmenden Autonomieverlust.

Morgen Sonntag wird Anny Fröhlich zum hundertsten Mal ihren Geburtstag feiern. Die bz stattete ihr bereits am Donnerstag einen Gratulationsbesuch ab. Da die Pensionärin mittlerweile sehr schlecht hört, sind ihre Tochter Doris Erzer, welche auch im Film mitspielte, und Schwiegersohn Bruno beim Gespräch zugegen. Fröhlich sitzt auf ihrem bunten TV-Sessel. Auf ihren Geburtstag angesprochen, erinnert sie sich zuerst nicht. Als sie ihre Tochter versteht, entfährt ihr ein: «Isch ja verruckt.»

«Seit dem Film sind alle netter»

Heute hat die noch 99-Jährige einen guten Tag. Vor vier Jahren kam die Seniorin von Allschwil in die Seniorenresidenz Aumatt nach Reinach. Die gefilmte Aussage über ihr ehemaliges Daheim, «Ich fühle mich wie Gott in Frankreich», trifft heute auch auf ihr Zimmer zu. Seit dem Film seien die Leute viel netter zu ihr. Tochter Doris Erzer erklärt: «Wir sind sehr froh, dass sie nach zwei Zwischenlösungen hier sein kann. Das Personal weiss, wie man meine Mutter nehmen muss.» Das bedeutet, sich nicht starr an Abläufe halten, sondern die Seniorin auch einmal länger schlafen lassen. Wie im Film wehrte sie sich zu Beginn auch im Heim. «Man darf sie nicht zwingen», erklärt Bruno Erzer. «Sonst rebelliert sie.»

Vielleicht akzeptierte Fröhlich die Pflegenden auch deshalb so schnell, weil sie es gewohnt war, jemand Fremdes im Haus zu haben. «Damals hatte man Mädchen aus Deutschland, die für Haushalt und Pflege sorgten», erinnert sich Erzer.

Die Mädchen kümmerten sich um ihren kranken Bruder Hansruedi. «Rosel war eines von jenen, die vor sechzig Jahren bei uns arbeiteten.» Sie sei das Lieblingsmädchen von Fröhlich gewesen, da sie die Pflege mit «noch mehr Herz» ausführte. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis heute anhält. Einen Monat nach Rosels Abreise verstarb Hansruedi 16-jährig. Die Verbundenheit ging später noch weiter: «Ihr Sohn ist heute mit meiner Tochter Sarah verheiratet», verrät Erzer und strahlt. Das ehemalige «Lieblingsmädchen» reist aus Deutschland an, um bei der Feier dabei zu sein.

Gesundheitlich geht es der Seniorin gut. Sie wirkt etwas schmaler, langsamer und abwesender als vor vier Jahren. «Sie hat keine Schmerzen und ist viel besser zwäg als ich», erzählt ihre 70-jährige Tochter. Sie brauche bald ein neues Hüftgelenk. «Aus dem Ersatzteillager», ergänzt Erzer scherzend zu ihrer Mutter. Fröhlich fragt verschmitzt: «Kann man das in der Migros holen?»

Sportfan und taffe Geschäftsfrau

Fröhlich ist Zürcherin und ein Sportfan. Bei einem Eishockeymatch lernte sie ihren späteren Mann Hans kennen. Das Fussballspiel vom Mittwoch hat sie aber nicht gesehen. Über das Eigentor des FC Basel informiert, antwortet sie: «Diese Flaschen!» Dass der FCB zum siebten Mal in Folge den Meistertitel geholt hat, geht unter. Fröhlichs Mann starb vor 30 Jahren. «Ich hatte einen ganz tollen Vater», erzählt Erzer. Das Ehepaar betrieb in Allschwil im Erdgeschoss ihres Hauses ein Pelzgeschäft. Sie sei die strenge, tüchtige Geschäftsfrau gewesen, er der liebenswerte, charmante Arbeiter. Erzer nennt ein Beispiel, um dies zu verdeutlichen: Der Vater meinte, sie könne doch von jener Kundin nicht einen so hohen Preis verlangen. Ihre Antwort: «Wenn die einen Pelzmantel vermag, dann soll sie ihn auch bezahlen.»

Nach dem Film hätten sie eine «wahnsinnige Resonanz» erfahren und seien oft angesprochen worden. «Die Reaktionen waren fast durchs Band positiv.» An einer Podiumsdiskussion fragte ein Zweifler, ob die Sprüche reine Show gewesen seien. Beim bz-Besuch erzählt die alte Frau eher wenig; aber wenn, dann kommen pointierte freche Sprüche über ihre Lippen.

Von den vier Protagonisten leben nur noch zwei; Fröhlich und Monique Hofmann. Frank Matter sagt auf Nachfrage über Anny Fröhlich: «Für mich als Regisseur war sie ein Geschenk des Himmels. Ihr unverwüstlicher Witz, die Fähigkeit, die Dinge mit Galgenhumor ungeschminkt auf den Punkt zu bringen, aber auch ihre starke Persönlichkeit bereicherten meinen Film ungemein.» Sie hätten darüber gewitzelt, dass sie sich nicht unterkriegen lasse und bestimmt den hundertsten Geburtstag feiern werde. «Nun hat sie es tatsächlich geschafft.»

Abkommen mit Petrus

Bruno Erzer erzählt, seine Schwiegermutter habe einen Deal mit Petrus gemacht. Deren Augen leuchten. Mahnend hebt sie einen Finger: «Ich sagte ihm, er soll mich hundert machen.» Über ihren Tod denke sie nicht nach, vorläufig lebe sie ja noch. Nach vier Jahren im Heim und wenige Tage vor ihrem grossen Jubiläum ist sie noch immer überzeugt: «Mir gehts gut. Das sage ich mir abends beim Ins-Bett-Gehen und morgens beim Aufstehen.»