Wann ist man Reinacher? Etwa schon dann, wenn man erstmals ein Reinacher Stimmcouvert abgibt – oder ist das Reinacher-Werden ein langsamer Prozess, der Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte in Anspruch nimmt?

1966 habe ich zusammen mit meiner Familie mein Zelt in Reinach in die Nähe meines Arbeitsortes aufgeschlagen. Damals war das Dorf noch ein wirkliches Dorf, mit einer Bevölkerung von etwas mehr als 10 700 Einwohnerinnen und Einwohnern, mit einer in einem Schulhaus untergebrachten Gemeindeverwaltung, mit der Gemeindeversammlung, mit einem noch nicht ganz überbauten Rebberg und, last but not least, mit einem Milchhüsli, das immerhin noch von drei dorfeigenen Milchproduzenten beliefert wurde.

Und heute? Das Dorf hat das Dorf hinter sich gelassen: In den 1990er-Jahren wurde es zum «Kaff mit Pfiff», und dann schmückte es sich mit dem stolzen Ausweis «Stadt vor der Stadt» – die bescheidene Gemeindeverwaltung gibt es daher nicht mehr, stattdessen empfängt das Stadtbüro jetzt seine Klienten in einem modernen Glas- und Marmorpalast, und die Gemeindeversammlung ist für die Stimmberechtigten der jetzt rund 19 000 Einwohner zählenden Bevölkerung nur noch ferne Erinnerung. Schliesslich hat auch der Rebberg weitgehend ausgedient: Er existiert nur noch in wenigen grün gebliebenen Flecken und in Strassennamen. Was geblieben ist: Das Milchhüsli – allerdings ohne Rückendeckung durch eine Reinacher Bauernschaft,

Der Reinacher Kalender 2015 titelte «Reinach – eine Baustelle». Er traf damit ins Schwarze, denn tatsächlich waren die vergangenen Jahre in Reinach von einer aussergewöhnlichen Bautätigkeit geprägt. Es galt, für die sich von Jahr zu Jahr stauenden Neuzuzüger Wohnraum bereitzustellen. Und so werden im Birsecker Dorf Einfamilienhäuser immer seltener. Mit ihnen verschwinden die blumenreichen und baumbestandenen Gärten. Im Zeichen der Verdichtung sind mehrgeschossige Wohnblöcke - einmal war ja gar von einem Wolkenkratzer am Waldrand die Rede – Trumpf.

Die Sache mit dem Grüssen

Reinach ist daran, seine Identifikationsformel «Stadt vor der Stadt» endgültig einzulösen. Kürzlich ist eine Studie erschienen, die dem Unterschied zwischen einet ländlichen und einer städtischen Bevölkerung nachging. Während den «Ländlern» das Grüssen – «Grüezi, guete Daag» – noch immer selbstverständlich ist, grüssen sich Stadtbewohner kaum noch. Ersatz bieten für diese verloren gegangene Nachbarschafts-Kultur künstlich geschaffene Begegnungszentren, die das Wir-Gefühl stärken sollen. Auch der kürzlich in Reinach eingeweihte Generationenpark im «Mischeli» steht unter diesem Vorzeichen: Er soll Alt und Jung bei Spiel und körperlicher Ertüchtigung zwanglos zusammenführen.

Trotz alledem: Reinach ist noch immer, mindestens teilweise, dörflich geprägt, und das verdankt es nicht zuletzt seiner Bürgergemeinde und der Zunft zu Rebmessern. Beide sind um das ländliche Erbe besorgt: Sie sorgen sich um den Banntag, um den Maibaum, sie haben einen neuen Erinnerungsbrauch, die «Chäppelihäx», geschaffen und halten im Heimatmuseum das Bewusstsein für die Geschichte eines ehemals kleinen und unbedeutenden Birsecker Dorfes wach.

Wo lebt es sich besser, vielleicht auch einfacher – in der kleineren, überschaubaren und in sich ruhenden Dorfgemeinschaft oder in der grösseren Agglomerationssiedlung des Basler Speckgürtels mit oft weit ausholenden gesellschaftlichen, planerischen, politischen und kulturellen Pendelausschlägen? Schwer zu sagen: Vor- und Nachteile gibt es hüben und drüben, und sie sind bekannt. Im kleinen Dorf kennt man sich, und das bringt Vor- und Nachteile: In der grossen «Stadt vor der Stadt» kann Anonymität Trumpf sein, sofern man sie sucht. Doch gibt es auch die Möglichkeit, im Quartier, wo man sich kennt und auch grüsst, ein eigenes Dorf im Dorf zu beleben und zu gestalten.

Eines ist klar: Agglomerationsstädte verkommen nicht automatisch zu Schlafstädten. So gibt es in Reinach mehr als 80 Vereine, und selbstverständlich stehen jedem Einwohner und jeder Einwohnerin auch viele andere Türen offen – in einer religiösen Gemeinschaft, in der Politik der Einwohner- oder der Bürgergemeinde, in der Nachbarhilfe, in Jugend- und Sportkultur, in der Kunst- und Musikszene, im Natur-und Vogelschutz und so fort.

Mit anderen Worten: Nicht nur die Alteingesessenen, die Ur-Reinacher, können sich als waschechte Reinacher deklarieren. Jeder Neu-Reinacher, der über das Steuerzahlen hinaus in dieser oder jener Form Anteil an seiner Wohngemeinde nimmt, kann in Anlehnung an die berühmte Berliner Aussage des amerikanischen Präsidenten von sich sagen: «Ich bin ein Reinacher.»