Mit Elena* wegzufahren ist ein riesiger Aufwand. Die Lebensmittel müssen ihre Eltern hier einkaufen, in der Ferienwohnung erst einmal alles putzen, Decken über die Möbel werfen. Also bleiben die Brachers in den ersten Sommerferien ihrer Tochter lieber zu Hause.

Aber Sandra Bracher ist einfach froh, ihre Tochter sechs Wochen bei sich zu haben. Sie nicht aus den Augen lassen zu müssen. Denn Elena leidet an einer besonders heftigen Nuss-Allergie. Kleinste Spuren von Nüssen oder Erdnüssen können bei ihr innert kürzester Zeit zum Tod führen.

Damit sorgte Elena vor genau einem Jahr für Schlagzeilen. Denn ihre Einschulung sorgte dafür, dass auf dem Areal der Lausner Primarschule und des Kindergartens ein Nussverbot verhängt wurde. Die neue Regel landete sofort auf Facebook und wurde dort in teils heftigen Worten kommentiert.

Die betroffenen Kinder wurden übel beleidigt und auch Schulleiter Urs Beyeler wurde mit diffamierenden Mails eingedeckt. «Das hat mir glatt den Sommer versaut», sagt Beyeler gegenüber der bz ein Jahr später. Auf seinem Arbeitstisch liegt ein Ordner. Sein Nuss-Ordner. Einer von vielen. Darin ist alles zu finden, von den Zeitungsartikeln aus dem vergangenen Jahr über die Infoblätter an Eltern bis zu Notfallplänen für die betroffenen Kinder.

Notfallkurs für alle Lehrer

Denn es geht längst nicht mehr nur um Elena und den allergischen Jungen, der gleichzeitig mit ihr eingeschult wurde. Im Lehrerzimmer hängt ein Plakat mit Fotos und Namen von Elena und vier weiteren Kindern. Darüber steht: «Um diese Kinder kümmern wir uns besonders.» Ein Junge mit Nuss-Allergie hat im Laufe des Jahres an die Schule in Lausen gewechselt, weil die Voraussetzungen seinen Bedürfnissen dort besser entsprachen.

Ein weiterer war bereits an der Schule, seine Allergie wurde aber erst im Verlauf des vergangenen Jahres entdeckt. Das fünfte Kind leidet an Diabetes. «Wir haben uns dem Thema chronische Krankheiten allgemein angenommen», erklärt Beyeler.

Er hat eine Vereinbarung entwickelt, die von der Schule und den Eltern der betroffenen Kinder unterzeichnet wird. Darin sind Haftungsfragen geklärt und gegenseitige Erwartungen festgehalten. Für jedes Kind gibt es einen individuell angepassten Notfallplan – bunt und illustriert. Darauf sind Symptome im Ampelsystem aufgelistet sowie Medikamente abgebildet. «Die Notfallpläne müssen paniktauglich sein», erläutert Beyeler. Lehrer sollen im Notfall nicht lange blättern und lesen müssen.

94 Prozent haben Verständnis

Den Lehrern die Angst zu nehmen, war zu Beginn auch eine der wichtigsten Aufgaben Beyelers. «Diese Angst muss man verstehen», findet er. Eine solche Verantwortung zu tragen, sei nicht leicht. Alle Lehrer in Elenas Schulhaus hätten einen Notfallkurs des Allergiezentrums absolviert. Für den Notfall – der bisher glücklicherweise noch bei keinem Kind eingetreten ist – gibt es ein Alarmierungssystem, damit kein Lehrer dann alleine ist. Und auch den Eltern und Kindern habe man die Angst grösstenteils nehmen können.

«Sie haben gesehen, dass wir nicht gleich mit der Polizei auffahren, wenn ein Kind einmal ein Znüni mit Nüssen dabei hat. Darum geht es nicht.» In einer Elternbefragung rund um die Lausner Schule gaben kürzlich 94 Prozent der Eltern an, sie hätten Verständnis für das Nuss-Verbot und keine Probleme damit.

Schwer, sich vorzustellen, dass die Brachers noch vor einem Jahr schlaflose Nächte hatten. Oder dass am ersten Schultag Elenas tatsächlich jemand ein Häufchen Nüsse auf dem Schulhausplatz arrangiert hatte. «Erst mussten die Leute verstehen, dass wir hier nicht von einer herkömmlichen Allergie sprechen», glaubt Sandra Bracher. Heute sei die Solidarität von Schule, Eltern und Kindern riesig. «Am liebsten würde ich im ganzen Dorf von Tür zu Tür gehen und jedem Einzelnen Danke sagen.»

Immer hätten sie sich gewünscht, dass Elena neben ihrem Zuhause und dem Haus ihrer Grosseltern eine dritte Insel findet, wo sie sich angstfrei bewegen kann. Nun habe sie den Kindergarten. Aber Elenas «angstfrei» bleibt anders als jenes der meisten Kinder. Ihre Znünibox umklammert sie fest und sie wird nervös, wenn jemand dieser zu nahe kommt. Wenn Kinder auf sie zu rennen, weicht sie zurück. Und auch ihr Alltag bleibt anders: Wenn die anderen Kinder vom Kinobesuch oder dem Zirkus erzählen, kann Elena nur zuhören. Sie selber kann dort nicht hin, weil Nüsse angeboten werden.

Schulleiter zunächst skeptisch

Sieben Jahre wird Elena noch an der Schule in Lausen verbringen, die Beyeler in einem Kraftakt zur nussfreien Zone erklärt hat. «Er ist unser Held», sagt Bracher. Dabei war auch er skeptisch, als er die Aufgabe fasste, Elena und ihre Mitschüler zu integrieren. Zu viele Erwartungen würden schon auf den Schultern von Lehrern lasten, fand er damals.

«Dieses Risiko können wir nicht auch noch tragen.» Dann habe er erfahren, dass es gar keine andere Wahl gibt: Das Gesetz sagt, dass diese Kinder zur Schule gehen müssen. «Und dann haben mir die Brachers ihre Geschichte erzählt.» Von diesem Moment an sei aus der Skepsis eine Herzensangelegenheit geworden.

So machte sich Beyeler an die Arbeit und lief zuerst einmal ins Leere. «Es gab in der Region keine Erfahrungswerte, auch beim Kanton hatte man sich nie mit dem Thema befasst», erinnert er sich. Das ist heute anders.

Erst in Zürich sei er fündig geworden. Dort gibt es bereits seit längerem einige nussfreie Schulen. Das Meiste habe er selbst erarbeiten müssen. Mittlerweile ist der Schulleiter ein kleiner Experte. Kürzlich wurde sein Kontakt an eine ausserkantonale Schule weitergegeben, die am selben Punkt steht wie vor einem Jahr Beyeler. Er kann das Nuss-Verbot nur weiterempfehlen. «Sie müssten diese Kinder sehen. Sie fühlen sich richtig wohl und gehören dazu. Es braucht ein minimales Opfer von allen, damit diese Kinder, die es schwer genug haben, sich integriert fühlen können.»

Mittlerweile sieht Beyeler hinter der Geschichte auch einen pädagogischen Wert. Denn wenn man sonst von Integrationsarbeit spreche, gehe es immer um Lehrer. «Hier müssen zum ersten Mal auch Kinder Integrationsarbeit leisten. So lernen sie Solidarität und Loyalität mit Schwächeren.»

*Name geändert