Im Osten das Karibische Meer, im Westen der Pazifik. Im Norden die Grenze zu Honduras, im Süden die Grenze zu Costa Rica. Hier eingebettet liegt Nicaragua. Das Land ist ungefähr so gross wie Griechenland, hat 6,3 Millionen Einwohner und eine faszinierende Landschaft: Strände, Hügel, Vulkane und Regenwald. Und: Nicaragua ist arm, die gesundheitliche Versorgung in den öffentlichen Spitälern ist teilweise katastrophal.

Es gäbe viele Möglichkeiten, um im Gesundheitssektor des Landes eine Verbesserung herbeizuführen. Eine davon hat der 43-jährige Handchirurg Philipp Honigmann aus Liestal gewählt, der als leitender Arzt im Kantonsspital Baselland in Liestal arbeitet: Seit sieben Jahren reist er regelmässig nach Nicaragua, um dort während zweier Wochen pro Jahr Patienten gratis zu operieren. «Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, dass Patienten nicht so behandelt werden können, wie sie sollten», fasst Honigmann die Motivation für sein Engagement zusammen. Es gibt in Nicaragua zwar durchaus Chirurgen und Ärzte. Was fehlt, sind gut ausgebildete Spezialisten. «In der Schweiz ist das Ausbildungsniveau extrem hoch. Ich sehe es als meine Pflicht, dieses Wissen auch in anderen Ländern anzuwenden.»

Familie engagiert sich jahrelang

Honigmann ist Teil des Vereins «Schweizer und Deutsche Nicaplast-Gruppe». Der spendenfinanzierte Verein ist eine NGO mit Sitz in Basel. Philipp Honigmann wuchs quasi in die Organisation hinein. Sein Vater Klaus Honigmann, ein Kieferchirurg, begann 1995 die Arbeit in Nicaragua gemeinsam mit der nicaraguanischen Nicaplast-Gruppe. Im Jahr 2000 gründete er dann den Verein. Damals lag der Fokus auf Behandlungen im Gesichtsbereich, speziell von Lippen-Gaumen-Spalten. Seither reiste fast jedes Jahr ein Team nach Nicaragua, um Patienten gratis zu behandeln.

Das Team besteht aus medizinischem Personal aus Deutschland und der Schweiz. Es sind Spezialisten aus verschiedenen Fachrichtungen: Kiefer- und Gesichtschirurgen, Kieferorthopäden, Anästhesisten und eben Honigmann als Handchirurgen. Neben den Ärzten sind auch OP-Fachpersonal, ein Zahntechniker, eine Ergotherapeutin, eine Ernährungsberaterin und eine Logopädin dabei. Dies, weil der Fokus von Nicaplast nicht nur auf dem chirurgischen Eingriff liegt. Honigmann: «Die Nachbehandlung ist genauso wichtig wie der chirurgische Eingriff.» Zudem reist das Team immer wieder an denselben Ort, um die Nachkontrolle der Patenten zu gewährleisten.

Die Menschen kommen aus dem ganzen Land angereist, um sich behandeln zu lassen. Zu Fuss, mit dem Bus, auf dem Rücken eines Esels. «Sie sind tagelang unterwegs, um dann noch einmal stundenlang im Spital auf uns zu warten», erzählt Honigmann. Nicaplast setzt auf Radiowerbung, damit die Menschen schon im Vorfeld von der Ankunft der Ärzte erfahren. Auch Plakate hängen in den Einsatzregionen. Wegen der hohen Analphabetenrate ist es aber wichtig, dass diese auch mit Symbolen funktionieren.

Bei jedem Einsatz warten zwischen 300 und 400 Menschen darauf, behandelt zu werden. Nicht immer ist das möglich. Durchschnittlich führt das Team von Nicaplast pro Einsatz 150 Behandlungen durch, rund die Hälfte davon sind operative Eingriffe.

Philipp Honigmann reiste zum ersten Mal im Jahr 2010 nach Nicaragua. «Ich war überwältigt davon, wie viele Leute auf unsere Hilfe warteten», erinnert er sich. «Und wie geduldig sie waren.» Honigmann ist für Eingriffe an den Händen zuständig. Jüngere Patienten kommen häufig mit Verletzungen zu ihm, die sie sich bei der Arbeit zugezogen haben. Die Arbeit mit der Machete ist nämlich in Nicaragua Alltag – entsprechend häufig kommt es zu Verletzungen. «Für eine Familie ist das eine Katastrophe. Meistens ist der Mann Alleinverdiener und wenn er seine Hände nicht mehr brauchen kann, steht die Familie vor dem Ruin», berichtet Honigmann.

In den zwei Wochen, die Honigmann in Nicaragua verbringt, kann er nicht alle notwendigen Behandlungen durchführen. «Manchmal fehlen uns die Instrumente, um eine Verletzung oder eine Fehlbildung zu behandeln.» Möglich ist ausserdem, dass Honigmann den entsprechenden Eingriff auch in der Schweiz gar nicht durchführen würde. Dann schickt er den Patienten zu Kollegen aus den USA oder Neuseeland, die ebenfalls in Nicaragua tätig sind.

Hilfe zur Selbsthilfe

Honigmann fliegt nicht nur für Behandlungen nach Nicaragua. Der Verein hat daneben nämlich noch ein weiteres, langfristiges Ziel: Menschen vor Ort auszubilden, damit diese die notwendigen Behandlungen selber durchführen können. Während, vor und nach den Einsätzen arbeitet die Gruppe deshalb eng mit Ärzten aus Nicaragua zusammen.

Philipp Honigmann investiert viel Zeit in den Verein Nicaplast. Wie auch seine Familie: Nicht nur sein Vater Klaus, sondern auch seine Stiefmutter Silvia half bald nach der Gründung mit. Die Ernährungsberaterin ist heute Präsidentin des Vereins, Honigmanns Schwester ist für die Werbung und die Administration zuständig. «Die Grundidee meines Vaters weiterzutragen, hat uns zusammengeschweisst», so Honigmann. Sein Vater starb im Jahr 2006, deshalb haben Vater und Sohn nie gemeinsam in Nicaragua gearbeitet.

Heute hat Honigmann selber drei Kinder, die alle noch unter zehn Jahre alt sind. Die Balance zwischen Familie, Beruf und seiner Leidenschaft für Nicaplast zu finden, ist nicht ganz leicht. Im Oktober war er in Nicaragua, im Januar fliegt er wieder hin. «Meine Frau und Kinder müssen häufig auf mich verzichten», gibt er zu. «Ich versuche aber, so oft ich kann Zeit mit ihnen zu verbringen.» Honigmanns Frau ist ebenfalls Ärztin und unterstützt sein Engagement in Nicaragua. «Es stimmt halt schon: Hinter jedem starken Partner steht ein anderer starker Partner», so Honigmann mit einem Lächeln. «Ohne meine Frau könnte ich nicht alles unter einen Hut bringen.»

Das Projekt befindet sich in stetiger Weiterentwicklung, so existiert bereits ein Studierendenaustausch zwischen den Universitäten Basel und Frankfurt am Main mit der staatlichen Universität in León. «Langfristig wollen wir einen Ausbildungsaustausch nicht nur von Ärzten, sondern auch von wichtigem Fachpersonal, wie zum Beispiel Ergotherapeuten auf die Beine stellen.»

Bis dahin ist es noch ein langer Weg, aber ein erster Schritt ist bereits getan: So gab es erfolgreiche Gespräche zwischen der Universität Basel, der Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften und der Universität in León, wo Honigmann im Jahr 2014 zum Ehrenprofessor ernannt wurde. Jetzt müssen noch Geld beantragt und die Pläne für die Ausbildung erstellt werden. Im Idealfall fällt Ende 2018 schon der Startschuss.Mit einem Vertrag verpflichten sich die Ärzte, in Nicaragua zu arbeiten.

Kraft schöpft Honigmann aus der Dankbarkeit, die er nach einer gelungenen Behandlung erfährt. «Es gibt viele schöne Momente. Etwas Besonderes war, als ein Junge nach der Behandlung plötzlich wieder seine Hände bewegen konnte. Er schaute sie an und begann zu weinen vor Freude.»