Überschwemmte Keller, zerstörte Elektrikanlagen, wasserdurchflutete Stuben: An die 800 Wasserschäden soll es nach dem Unwetter am Pfingstsamstag in Muttenz gegeben haben. Der Dorfbach kam nicht mehr durch die gerade mal 40 Zentimeter breite Unterdolung und überschwemmte das Oberdorf. Auch die Ableitung in die Kanalisation überlief.
Doch die Unwetterschäden hätten vielleicht deutlich kleiner sein können.

Die Gemeinde hat nämlich seit Jahren ein Projekt in der Schublade, mit dem der Bach zusätzliche Abflusskapazitäten erhalten soll. 2010 genehmigte die Gemeindeversammlung für diese neue Bachableitung sechs Millionen Franken. Umgesetzt worden ist davon bisher nur der Abschnitt von der Kirche zur Lachmatt. Als sich abzeichnete, dass Einsprachen von Anwohnern den Teil durchs Oberdorf verzögern würden, wurde das Trassee über Gemeindeland gelegt. Die Gemeindeversammlung genehmigte dafür zusätzliche 360 000 Franken. Damit waren alle finanziellen Hürden genommen. Das war 2012.


Doch erst zweieinhalb Jahre später reichte die Bauverwaltung das Projekt zur Vorprüfung dem Kanton ein – viel zu spät, findet der ehemalige Gemeinderat Peter Issler. «Grosszügig gerechnet, hätte dafür ein Jahr gereicht.» Dann wäre die Kapazitätserweiterung heute gebaut, «und vermutlich nicht alle, aber doch einen Teil der Schäden des Pfingstunwetters hätte man vermeiden können», sagt Issler.


Dazu sagte der zuständige Gemeinderat Joachim Hausammann: «Es ist nicht abzuschätzen, ob mit dem Bauwerk an Pfingsten einige Keller trocken geblieben wären oder nicht. Und wir hatten in den letzten Jahren schlicht und einfach die Kapazitäten in der Bauabteilung nicht.» Muttenz werde überrannt mit privaten und öffentlichen Bauprojekten, «da stand die Ableitung des Dorfbachs hintenan».


Nur eine Frage der Prioritäten?

Von hochwassergeschädigten Muttenzern hat die bz den Vorwurf gehört, die Bauverwaltung hätschle Prestigeobjekte, etwa das Polyfeld, vernachlässige dafür die unspektakuläre Kapazitätserweiterung des Dorfbachs. Dem widerspricht Hausammann mit der Feststellung, dass Hoch- und Tiefbau zwar Teile der Bauverwaltung, aber zwei verschiedene Departemente seien, organisatorisch getrennt.


Muttenz habe allerdings eine eher grosse Bauverwaltung, meint Issler. Gemäss seinen Recherchen arbeiten dort 18 Personen, im vergleichbar grossen Pratteln nur 9. «Die Kapazitäten wären da», findet er. «Es ist nur eine Frage der Prioritäten.»
Auch Jaroslav Mišun, der Leiter des Geschäftsbereichs Wasserbau im kantonalen Tiefbauamt, tönt an, dass Muttenz schneller hätte handeln können. Es war bereits in den 1990er-Jahren der Kanton, der Muttenz darauf aufmerksam machte, dass die Abflussleistung des Dorfbachs ungenügend sei. Der Kanton trägt die Verantwortung für den Wasserschutz. Auf Gemeinden Druck ausüben, damit sie Projekte schneller umsetzen, könne der Kanton aber nicht, betont Mišun. «Den Terminplan gibt sich jede Gemeinde selber.»


Immerhin naht das Hochwasserschutzprojekt jetzt der Umsetzung. Am vergangenen Freitag hat der Kanton das Bauprojekt genehmigt. Mišun: «Jetzt kann die Gemeinde anfangen zu bauen.»