Fünf Uhr morgens, Basel. Der Wecker klingelt. Es ist der gleiche Ton wie immer, wenn ich zwei Stunden später aufstehe, aber nun tönt er gnadenloser, unerbittlicher. Es ist eine Tageszeit, die in meinem Leben nicht mehr existiert – die Zeiten als Student sind vorbei, in denen ich an den Wochenenden erst im Morgengrauen nach Hause kam.

Und, gottlob, sie existiert auch heute nicht, obwohl ich seit ein paar Jahren als Journalist versuche, dem Leben die lange vermisste Portion Ernsthaftigkeit zu verleihen. Mein Berufsstand tendiert – zum Glück! – zum morgendlichen Müssiggang.

Ich habe den Tag, den ich auf dem Bauernhof verbringen werde, gut vorbereitet. Im Wissen darum, dass ich im Halbschlaf kaum zu irgendetwas in der Lage bin, habe ich Lunch und Sonnencreme am Abend vorher bereitgelegt. Und die richtigen Schuhe stehen so unausweichlich auf der Treppe, dass ich selbst schlaftrunken nicht auf die Idee käme, irgendwelche Halbschuhe anzuziehen.

Denn heute ist der Tag, an dem ich gute Schuhe brauche. Ich werde meinen Journalistenjob gegen denjenigen eines Erntehelfers auf dem Bauernhof eintauschen. Statt Telefonaten und Mails im Minutentakt will ich einen Tag in den Bäumen verbringen und das Gleiche tun wie die Bauern im Sommer über Wochen. Ich will Kirschen pflücken, oder, wie man im Oberbaselbiet sagt: «Chirsi günne». Ich will wissen: Langweilt oder inspiriert einen diese Monotonie?

Der Bauer braucht nie Ferien

Fünf Uhr morgens, Hof Habsen, Eptingen. Hier klingelt kein Wecker, denn der Bauer Robert Degen wacht von alleine auf. Früher noch, als er jung war, hatte er sich gewünscht, dass er länger schlafen dürfe. Heute aber, mit 53, kriegt er nach fünf kein Auge mehr zu.

Eine Stunde später geht es los; um Punkt sechs werden neben mir, dem Journalisten, auch fünf polnische Saisonniers bereitstehen, die sich vor dem Frühstück um acht zur ersten Arbeitsschicht bei den Niedrigstämmern begeben. Es sind prachtvolle Exemplare der Kirschsorte Kordia, die wir in unsere Chratten legen.

Robert und mich umgibt ein polnisches Stimmengewirr. Die Polen, mit denen er seit Jahren den Sommer verbringt, verstehen kaum Deutsch. Und Degen kann kein polnisch. «Nur was ‹schneller› heisst, weiss ich», sagt der Bauer und lacht. Er sei tatsächlich der Einsamste beim Chirsigünne, sagt Robert. Gelegentlich hört er Radio, aber der Empfang auf dem Berg ist schlecht.

Robert Degen sagt auch, dass er nie Ferien braucht und auch kein Bedürfnis danach habe. Es gebe Bauern, die jedes Jahr zwei Wochen weggehen – die ganze Stellvertretung zu organisieren, sei aber mit grossem Stress verbunden. «Und dann kommt man von den Ferien zurück und es wurde trotzdem nicht gemacht, wie man es sich vorgestellt hat.»

Für mich als Redaktor wäre es eine grausame Vorstellung, keine Ferien zu haben. Das wäre psychisch nicht zu bewältigen. Wir Journalisten brauchen regelmässig Abstand, um wieder zu Kräften zu kommen. Ganz anders Robert: «Obwohl ich hart arbeite – ich bin nicht Burnout-bedroht, habe nicht den gleichen Stress wie ihr.» Und doch hat der Gedanke etwas Beengendes, dass sich ein ganzes Leben auf den gleichen 20 Hektaren abspielt.

Bisher dachte ich: Solche Menschen verkrusten, weil ihre Gedanken am Ende ihrer Parzelle Halt machen. An Robert Degen aber, diesem robusten Oberbaselbieter, zerschellen die Vorurteile. Er denkt in grösseren Dimensionen, nervt sich über die Kurzsichtigkeit der Masseneinwanderungsinitiative und ist der Meinung, dass die Schweiz sich gegenüber der EU nicht aufzuspielen braucht. «Wir sitzen am kürzeren Hebel. Dem sollten wir uns bewusst sein.»

Mein Hirn rattert

Wir schauen bei den Arbeitszeiten auf die Minute. Gerade im Umgang mit anderen Kulturen, so glaube ich, ist das Beharren auf Pünktlichkeit eine wichtige Voraussetzung. Egal, wie gross die Sprachbarriere zwischen dem Bauern und den Saisonniers ist: Auf dem Hof Habsen weiss man, dass um genau 8 Uhr der Kaffee serviert wird und die Pause eine halbe Stunde dauert. Es kommen auch am Nachmittag keine Diskussionen auf, wenn um 13.15 Uhr die Arbeit aufgenommen wird.

Um Punkt acht also zwängen sich neben osteuropäischen Saisonniers und mir auch vier Generationen der Degen-Familie (die jüngste ist gerade eineinhalb) an den Tisch. Und jede Menge Fliegen. Sonja, Roberts Frau, hat alles aufgetischt ausser Kirschen. Wer über Monate hinweg nur Kirschen anstarrt, ist froh um eine kurze Pause. Robert gibt zu, dass er kirschengesättigt ist: «Früher, als ich klein war, gab es überall und zu allem Kirschen. Brot mit Kirschen-Gonfi, Kirsch-Wähen. Ja, selbst zum Zmittag gabs Röschti – mit nackten Kirschen!»

Für die nächste Schicht steht nicht minder monotone Arbeit an. Robert lockt mich mit verheissungsvollen Worten an die Sortiermaschine: «Hier bist du der wichtigste Mann.» Während der Pole Kamil hinten die gepflückten Kirschen auf das Band legt, bin ich damit beauftragt, die beschädigten Früchte auszusortieren. Sie werden zu Schnaps gebrannt. Die anderen werden in Kartons in die Landi verfrachtet, wo sie als Tafelkirschen über die Theke gehen. Stundenlang schüttet Kamil hinten Kirschen rein, und ich muss in trockenster Fliessbandarbeit stundenlang Gutes von Schlechtem trennen. Es ist unmöglich, sich gedanklich nicht im Kreis zu drehen.

«Wie machen das andere Fliessbandarbeiter?», frage ich mich. Haben die einen Modus, um die Gedanken ganz abzuschalten? Mein Hirn kennt diesen Modus jedenfalls nicht. Unablässig rattert es. Ich überlege, ob Kamil seine Haare in Polen hat schneiden lassen oder ob es auch Schweizer Coiffeure gibt, die solche Halbirokesen im Angebot haben?

Ich frage mich, wie viel die Sortiermaschine gekostet hat. Und ob das Hunderttausende oder Millionen Kirschen sind, über deren Schicksal ich heute entscheiden darf. Wenn die Kirschen alles Menschen wären, fantasiere ich, dann wäre ich der mächtigste Mann der Welt. Das sind nur einige von Tausenden Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, während ich den Tunnelblick unablässig auf das Fliessband richte.

Kraft getankt für den Berufsalltag

Es ist bald zwölf, die Mittagspause wird von allen herbeigesehnt. Immer wieder ertappe ich Kamil und die anderen Helfer, wie sie verstohlen auf die Uhr schauen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Sonja eine hervorragende Köchin ist. Die Polen verschlingen die Mahlzeit förmlich – wohl auch, damit sie früher vom Tisch gehen können und etwas mehr von der Mittagspause haben. Für mich geht es am Nachmittag statt mit der Monotonie am Fliessband mit der Einöde im Kirschbaum weiter – da ich es nun mit Hochstämmern zu tun bekomme, hänge ich in einer Höhe von bis zu zehn Metern in den Ästen. Meine latente Höhenangst entpuppt sich dabei als Segen.

Angst und Langeweile sind offenbar zwei Gefühle, die keinen Platz im gleichen Körper haben. So rauschen die Stunden vorbei, während ich mich mit nassen Fingern an die Äste kralle, immer auf der Suche nach den gut versteckten Kirschen. Die Hochstämmer, so erzählt Robert, seien eigentlich kaum ertragreich. Weil sie anders als die Niedrigstämmer nicht überdeckt werden können, sind die Kirschen hier fast alle vom Regen und Hagel zerborsten und werden der (kaum kostendeckenden) Schnapsproduktion zugeführt.

«Tage hier lang, aber schön», sagt mir einer der Polen, die in der Heimat eigene Bauernhöfe haben, sich aber mit dem wesentlich besseren Saisonnier-Lohn in der Schweiz über Wasser halten. «Weit weg von Problemen», findet er. Wenn die Kirschenernte im August zu Ende geht, wird er mit dem Ersparten versuchen, seinen Hof zu sanieren. Denn dort herrscht akuter Handlungsbedarf.

Der radebrechende Pole hätte es kaum treffender formulieren können, denke ich, als ich die letzte Kirsche am späten Nachmittag in der Chratte versenke. Man sollte die reinigende Kraft der Langeweile nicht unterschätzen. Ich fühle mich jedenfalls gestärkt für die anstehende Hektik in meinem Berufsalltag. Aber erst muss ich mal ausschlafen.