Rein organisatorisch ist das Freidorf in Muttenz heute eine Wohngenossenschaft, wie es sie in der Region einige gibt. Die Bewohner verwalten ihren Wohnraum gemeinsam und halten so die Mieten tief.

Doch die architektonische Ausgestaltung zeugt von einer Vergangenheit, in welcher der Genossenschaftsgedanke viel mehr als günstiges Wohnen bedeutete. Das gemeinschaftliche Wohnen, Wirtschaften und Leben sollte eine Utopie verwirklichen: die Überwindung der Gegensätze zwischen Sozialismus und Kapitalismus.

Ein Anhänger dieser Vollgenossenschafts-Idee war der ehemalige SP-Nationalrat Bernhard Jäggi. Er war Präsident der Verwaltungskommission des Verbands Schweizerischer Konsumvereine (VSK, heute Coop).

Deren Mitarbeiter hatte er vor Augen, als er vor genau hundert Jahren mit Gleichgesinnten die Genossenschaft Freidorf gründete. Er wollte sie aus den engen Städten und ihren schwierigen sozialen Verhältnissen befreien. Sie sollten ein Leben führen, das weitgehend von der Genossenschaft geprägt sein sollte.

Kaninchen und Hühner

Schulden musste die Genossenschaft keine aufnehmen. Die sieben Millionen Franken Kapital hatte der VSK, weil ihm der Bund die Steuer auf kriegsbedingte Mehreinnahmen erlassen hatte. Für die Planung konnte Jäggi den späteren Bauhaus-Direktor Hannes Meyer gewinnen.

Ende 1919 fing der Bau an, 1920 zogen die ersten Bewohner ein. 1924 lebten im Freidorf 625 Menschen. Die gebaute Architektur sollte einen genossenschaftlichen Lebensstil möglich machen. Um den Gleichheitsgedanken zu unterstreichen, sahen alle Reihenhäuser von aussen gleich aus, unabhängig von der Wohnungsgrösse.

Sie boten einen für Angestellte damals unbekannten Luxus. So gab es warmes Wasser, Zentralheizung und Waschküchen. Die Gärten waren für die Selbstversorgung gedacht, es wurden Kaninchen und Hühner gehalten.

Angestrebt wurde eine autonome Dorfgemeinschaft, wirtschaftlich, sozial und kulturell. Die Kinder gingen in die eigene Schule, für die Alten wurde gesorgt. Die Bewohner mussten das Freidorf-Geld kaufen und es im internen Laden ausgeben. Heizmaterial wurde genossenschaftlich eingekauft, und wer grössere Bäume setzte, musste sie der Gemeinschaft überlassen. Die Genossenschaft pachtete Land, das gemeinsam bewirtschaftet wurde. Der Genossenschaftsgedanke ging sogar so weit, dass menschliche Fäkalien zum Düngen verwendet wurden.

Der Idee der wirtschaftlichen Autonomie lebten die Bewohner nach. In den 1940er-Jahren blieb ungefähr die Hälfte der frei verfügbaren Einkommen der Einwohner im Freidorf, zuzüglich Mieten.

Und auch ihre Freizeit verbrachten die Bewohner innerhalb der Freidorf-Mauern. Es gab eine Bibliothek, ein Café und ein Restaurant, eine Abendschule, Jugendgruppen, eine eigene Sparkasse, eine Versicherung und ein Reisebüro, einen Kleintierzuchtverein, einen Volkschor, ein Orchester. Es wurde gemeinsam geturnt, Leichtathletik getrieben, Tennis und Fussball gespielt, Ski gefahren und gekegelt.

Symbol des gemeinschaftlichen Lebens war das Genossenschaftshaus mitten in der Siedlung, mit dem kirchähnlichen Glockenturm.

Die Genossenschafter waren so begeistert von ihrer Wirtschafts- und Lebensform, dass sie einen Teil der Erträge in eine Stiftung einzahlten. Mit dem Geld sollten weitere Siedlungen im gleichen Stil entstehen. Wären die Berechnungen aus den Anfangszeiten aufgegangen, gäbe es jetzt, hundert Jahre nach der Gründung, fünf weitere Freidörfer.

Dazu kam es aber nie. Denn in der Nachkriegszeit ging der Vollgenossenschaftsgedanke im Wirtschaftsboom unter. Die Wende kam in den 60er-Jahren, als die Erstbewohner aus den 1920ern wegstarben. Für nachrückende Bewohner war die umfassende Genossenschaftsidee ein zu enges Korsett. Sie entsprach auch nicht mehr einer Notwendigkeit. Einerseits hatte der Staat einige soziale Aufgaben übernommen, die das Freidorf angeboten hatte, etwa in der Gesundheits- oder der Altersvorsorge. Und jüngere Frauen hatten Mühe mit der häuslichen Rolle, die die Genossenschaft für sie vorsah.

Einheit bleibt

Zudem hatten die Freizeitmöglichkeiten ausserhalb des Freidorfs massiv zugenommen. Unter solchen Umständen die wirtschaftliche Autonomie einer Genossenschaft aufrechtzuerhalten, war nicht mehr zeitgemäss.

Dass die Bewohner ihre persönliche Identität an einer Genossenschaft festmachen sollten, war nicht mehr realistisch – zumal die Siedlung nicht mehr auf der grünen Wiese stand, sondern inmitten einer gewachsenen Agglomeration. Und so starben innerhalb weniger Jahre fast alle genossenschaftlichen Einrichtungen weg, bis nur noch die Wohngenossenschaft da war.

Was bleibt: Man muss immer noch Mitarbeiter von Coop sein, um im Freidorf eine Wohnung zu kriegen. Baulich achtet die Genossenschaft streng darauf, die Einheitlichkeit zu bewahren. Das Dorf hat sich aber geöffnet, auf dem zentralen Spielplatz spielen jetzt Kinder der umliegenden Quartiere.

Das Genossenschaftshaus ist an Gewerbetreibende vermietet. «Das Freidorf ist immer noch eine Gemeinschaft», sagt Matthias Möller, ein Kulturanthropologe aus Freiburg i. Br., der über die Siedlung geforscht hat. «Aber sie findet jetzt freiwillig statt.»