Es hat sich ausgestunken. Der Reinacher Kindergarten Thiersteinerstrasse wird für 920 000 Franken abgerissen und im Rahmen des Neubaus der Schulanlage Surbaum neu gebaut. Das entschied am Montagabend der Reinacher Einwohnerrat einstimmig. Ein Ja «mit ganz üblem Beigeschmack», wie es SVP-Einwohnerrat Adrian Billerbeck ausdrückte.

Denn das Problem, das hinter dem Abriss steht, existiert schon seit Jahren: Es stinkt übel im Kindergarten. Und trotzdem sei das Gebäude 2014 noch für fast 400 000 Franken energetisch saniert worden, ärgert sich Billerbeck. «Kein Mensch versteht dieses Vorgehen.» Nun habe man Steuergelder verpulvert.

Sanierung sollte helfen

Gemeinderätin Béatrix von Sury d’Aspremont (CVP) möchte allerdings nicht davon reden, dass die Gemeinde damit einen Fehler gemacht habe, wie es mancher Einwohnerrat formuliert hatte. «Im Nachhinein ist man immer schlauer», sagt sie auf Anfrage der bz.

Denn vor der Sanierung sei man immer von den gängigen Gründen für Geruchsentwicklung ausgegangen, etwa von einem Feuchtigkeitsproblem oder einem toten Tier im Zwischenboden. Dabei habe man sich auch immer fachmännisch beraten lassen. «Man ging davon aus, dass die sowieso nötige Sanierung auch gleich das Feuchtigkeitsproblem beheben würde.» Aber kurz nach den Sanierungsarbeiten war der Gestank wieder zurück.

Deshalb wurden im vergangenen Jahr detaillierte Luftmessungen durchgeführt, die endlich den Übeltäter zutage förderten: Chloranisol. Dieser Stoff entsteht aus dem Abbauprodukt von Pilzen, die auf einen Feuchtigkeitsschaden in Kombination mit in den 70er-Jahren häufig verwendeten Holzschutzmitteln zurückgehen.

«Dieser Stoff ist ja noch gar nicht so lange bekannt», so von Sury. Das erste Mal gemessen worden sei er 2003, die erste Publikation darüber erschien 2010. «Da kann man niemandem einen Vorwurf machen.»

Bei den Luftmessungen fand die Gemeinde jedoch nicht nur den gesundheitlich unbedenklichen Stoff Chloranisol, sondern auch den Reizstoff Formaldehyd in einer Konzentration, die über dem Grenzwert liegt. Als Sicherheitsmassnahme fährt man die Kinder seither in einen anderen Kindergarten in der Umgebung.

Durch die Messresultate beunruhigt führte Reinach auch in den beiden baugleichen Kindergärten in der Gemeinde Luftmessungen durch: Beim Neueichweg wurde nichts aussergewöhnliches festgestellt, bei der Habshagstrasse hingegen ebenfalls eine Überschreitung des Formaldehydgrenzwerts. Diesem rückt man allerdings nicht mit einem Abriss zu Leibe. Stattdessen bekämpft man das Formaldehyd mit einem Luftfilter und Schafswollplatten. Nachmessungen sollen zeigen, ob dies eine Besserung gebracht hat.

Keine Alternative zum Abriss

Warum ist dann beim Kindergarten Thiersteinerstrasse gleich ein Abriss nötig? «Weil das Formaldehyd eigentlich das kleinere Problem ist», erläutert Stefan Haller von der Reinacher Bauverwaltung. Es liesse sich leicht beheben. «Aber Chloranisol lässt sich fast nicht wegsanieren.

Man müsste das Gebäude bis auf den Beton zurückbauen, damit der Geruch wirklich beseitigt werden kann.» Dies legte der Gemeinderat auch dem Einwohnerrat dar. Rund 690 000 Franken hätte das gekostet und die pädagogisch veraltete Gebäudestruktur wäre erhalten geblieben. Für 920 000 Franken hingegen könne gleich ein moderner Doppelkindergarten errichtet werden. Ausserdem würde das jetzige Grundstück des Kindergartens dann für andere Bauvorhaben zur Verfügung stehen.

Das überzeugte auch den Einwohnerrat. «Dieser Kindergarten soll uns ein Mahnmal sein, dass wir künftig bei Schulbauten nicht einfach die günstigste Lösung wählen», sagte CVP/BDP-Vertreter Matthias Christen. Künftig wähle man lieber von Anfang an den Neubau statt teurere Pflästerlipolitik.