Ausgiebig spekulierten die regionalen Medien in den letzten Wochen über die Nachfolge des abtretenden Baselbieter CVP-Präsidenten Marc Scherrer (30). Doch ihr Name ist nie gefallen: Mit Brigitte Müller-Kaderli (40) wird heute Abend am CVP-Parteitag in Liestal eine Frau zur Parteichefin gewählt, die in der Region weitgehend unbekannt ist.

Die ausgebildete Kindergärtnerin zog 2015 mit ihrem Ehemann, der als Oberarzt am Basler Universitätsspital tätig ist, ins Baselbiet. Seit 2016 ist sie Vorstandsmitglied der CVP Allschwil-Schönenbuch. Im selben Jahr kandidierte sie für den Einwohnerrat der grössten Baselbieter Gemeinde. Vorerst ohne Erfolg.

Vier Jahre im Aargauer Parlament

«Ich bin unbekannt hier. Das ist eine Hypothek», räumt Müller-Kaderli auf Anfrage ein. Doch sie ist überzeugt, dass sich dies bald ändern werde. Kommunikation und auf Leute zugehen zähle zu ihren grossen Stärken. «Ich bin in der Region doch schon recht gut vernetzt», sagt sie. Das sieht auch Pascal Ryf so. Der Oberwiler CVP-Landrat galt, bis er sich selber aus dem Rennen nahm, als Kronfavorit für die Nachfolge des Laufentalers Scherrer: «Brigitte Müller ist sehr charismatisch. Sie kann Menschen begeistern.»

Dass Müller-Kaderli in der Baselbieter CVP bisher nicht zur ersten Garde zählte, heisst freilich nicht, dass sie ein unbestrittenes Blatt wäre – ganz im Gegenteil: Müller-Kaderli, die im Raum Wettingen-Baden aufwuchs und dort den grössten Teil ihres Lebens verbrachte, engagierte sich bereits als Jugendliche auf der politischen Bühne. 2002 wurde sie 26-jährig in den Aargauer Grossen Rat gewählt, dem sie bis 2005 angehörte. Von 2005 bis 2009 politisierte sie im Einwohnerrat Baden und wirkte gleichzeitig als Präsidentin der dortigen EVP. Richtig gelesen: EVP.

Wie kams zum Parteiwechsel? Vor ihrem Umzug ins Baselbiet sei sie sechs Jahre politisch nicht aktiv gewesen, betont Müller-Kaderli. «Ich habe mich verändert: Ich stand früher eher links der Mitte, nicht zuletzt wegen meiner Tätigkeit als selbstständige Unternehmerin politisiere ich heute eher rechts der Mitte.» Die Mutter zweier Kinder ist eine Anhängerin des nationalen CVP-Chefs Gerhard Pfister: «Ich unterstütze die von ihm angestossene Werte-Diskussion zu hundert Prozent.»

Drei Terroranschläge überlebt

Müller-Kaderli ist reformiert. Seit je ein Antriebsmotor ist für sie der christliche Glaube. Sie habe zwei Jahre in Israel verbracht und dort drei Terroranschläge überlebt. «Dies hat mich und meine Sicht auf das Leben stark geprägt.» Wer ihren Namen googelt, der stösst rasch auf einen Blog-Eintrag auf der evangelischen Website www.jesus.ch: «Meine Motivation, mich politisch zu engagieren, ist seit 15 Jahren dieselbe: unsere Gesellschaft mit dem Evangelium zu prägen», schrieb sie 2007.

Wird sie heute darauf angesprochen, reagiert sie so: Diese Aussage habe sie zu einer anderen Zeit und in anderem Zusammenhang gemacht. «Ja, ich habe eine Wertebasis und der Glauben beeinflusst mein Handeln.» Sie verweist darauf, dass sie sich seit Jahren, etwa als Mitglied der Schweizerischen Evangelischen Allianz, für Ideen und Projekte engagiere, die Zusammenschlüsse bewirke. Müller-Kaderli bestätigt, dass die Frage nach ihrem Glauben in der Personalkommission der CVP ein Thema gewesen sei.

Die Verantwortlichen sehen Müller-Kaderlis Hintergrund nun aber als grosse strategische Chance. Müller-Kaderli selbst will Wähler gewinnen, indem die CVP verstärkt ins evangelisch geprägte Oberbaselbiet investiert. «Ich möchte den reformierten Flügel in der CVP pushen», sagt sie. Bekanntlich ist auch Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche. Müller-Kaderli will im Baselbiet zudem die starke Mitte und die Partnerschaft mit der EVP neu beleben. Das kommt nicht von ungefähr: Nur mit Partnern in der Mitte kann die Partei ihren Nationalratssitz bei den Wahlen 2019 halten.

Das Christlichsoziale stärken

CVP-Landrat Ryf verweist ebenfalls auf die Brückenbauer-Funktion Müller-Kaderlis: Ihre Wahl unterstreiche, dass die CVP nicht einfach mehr eine katholische Partei sei, christliche Werte aber weiterhin eine grosse Rolle spielen. Die Allschwilerin werde es dank ihres Engagements im Bereich Schule und Familie schaffen, wieder vermehrt junge Familien für die CVP zu gewinnen, ist Ryf überzeugt.

Er lobt den bürgerlich-liberalen Kurs, den der junge Parteichef Scherrer in den letzten drei Jahren eingeschlagen hat. Gleichzeitig wünscht er sich, dass nun das «christlich-soziale Element» gestärkt werde. Zur Glaubensfrage sagt Ryf: «Die Trennung von Kirche und Staat ist für mich zentral. Ich erwarte von der neuen Präsidentin, dass sie dafür einsteht», betont er und schiebt nach: Er sei aber sehr zuversichtlich, dass dies der Fall sein werde.

Die bz hat weitere CVP-Exponenten zum Wahlvorschlag der Personalkommission befragt. Selbst «off the record« gibts fast nur positive Kommentare: Gewiss sei Müller-Kaderli wenig bekannt. «Doch zentral ist etwas anderes: Dass sie die nötige Zeit mitbringt sowie eine gewinnende und überzeugende Persönlichkeit ist.» Alle drei Anforderungen erfülle Müller-Kaderli, sagt ein hochrangiger CVPler. Ein anderer Parteigänger, der die künftige Präsidentin noch nie getroffen hat, verweist auf ihre Ankündigung, die Mitte im Baselbiet stärken zu wollen. «Das höre ich sehr gerne.»

Der Präsident der CVP-Personalkommission Georg Gremmelspacher lässt sich in einer Mitteilung so zitieren: «Mit Brigitte Müller-Kaderli erhalten wir frischen Wind und viel Erfahrung im Parteivorstand.» Dass heute Abend ein alternativer Vorschlag aus der Versammlung ihre Wahl in letzter Minute verhindert – daran glaubt niemand.