Das rüttelt gehörig am Selbstverständnis. Die Region Basel ist beim öffentlichen Verkehr offenbar gar nicht so hervorragend wie häufig kolportiert. Andere Regionen haben die Nordwestschweiz abgehängt oder sind daran, es zu tun. Diesen Eindruck hinterlässt die «Statistik der Schweizer Städte 2017» des Schweizerischen Städteverbands. Vor allem die grossen Baselbieter Agglomerationsgemeinden schneiden schlecht ab, zumindest bei der Ausstattung mit Haltestellen. Basel selber rangiert im Mittelfeld, die grossen Vororte hingegen bewegen sich bei zwei massgeblichen Kriterien im hinteren Drittel (siehe Tabellen). Muttenz und Birsfelden landen sogar je einmal auf dem letzten Platz.

Das «Jahrbuch 2017» legt den Fokus auf Mobilität. Von allen 172 dem Verband angeschlossenen Städten – in der Regel Gemeinden mit über 10'000 Einwohnern – wurde die Erschliessung mit Bahn, Tram und Bus gemessen und verglichen. Neben Basel und Riehen berücksichtigt die Studie auch Allschwil, Reinach, Pratteln, Muttenz, Münchenstein, Binningen, Liestal, Birsfelden, Aesch, Oberwil und Arlesheim.

Zwei Messgrössen sind die folgenden: die Zahl der Haltestellen pro Quadratkilometer besiedeltes Gebiet und die Zahl der Haltestellen pro 1000 Einwohner. Bei den Stationen im Siedlungsgebiet kommt Allschwil auf den fünftletzten Rang von 34 Städten in der Kategorie 20'000 Einwohner plus. Nicht besser erging es Muttenz. Die Gemeinde landet in ihrer Kategorie der Orte mit 15'000 bis 19'999 Einwohnern auf dem 38. und letzten Rang – eine Position hinter Reinach. In der nächstkleineren Kategorie schneidet auch Birsfelden wenig schmeichelhaft ab.

Zentrum top – Hanglage flop

In Muttenz ist das Erstaunen gross ob des Resultats. «Wenn etwas nicht gut ist, gibt es sofort Rückmeldungen aus der Bevölkerung», sagt Gemeindepräsident Peter Vogt. «Aber Inputs, was den öffentlichen Verkehr betrifft, haben wir nicht erhalten. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass Muttenz derart schlecht erschlossen wäre. Wir haben einen Bahnhof, eine Tramlinie und mehreren Buslinien.»

Einzig an den peripheren Wohnlagen sei die nächste Haltestelle schon weit weg, etwa am Wartenberg. «Aber wer dort wohnt», sagt Vogt, «hat sich auf die Situation eingestellt.»
Nicht minder verwundert ob den Zahlen ist Vogts Amtskollege aus Binningen. Mike Keller vermutet, dass man es mit einer Zweiteilung zu tun habe, die sich in der Statistik niederschlage. «Die grossen Agglomerationsgemeinden haben in der Regel ein Zentrum, das sehr gut an den öV angeschlossen ist und in dem viele Menschen wohnen. Daneben gibt es die Einfamilienhaus-Quartiere, in welchen die nächste Haltestelle etwas weiter weg liegt – wie auf den beiden Plateaus in Binningen.»

Diese Diskrepanzen innerhalb der Gemeinden gibt es. Das zeigt die Karte zu den so genannten öV-Güteklassen. Für diese Einteilung wurde jeder Ort einer Gemeinde einer von insgesamt sechs Klassen zugeordnet. Klasse 1 bedeutet, dass eine Station in der Nähe ist, die alle paar Minuten bedient wird. Bei der Klasse 5 ist in 750 bis 1000 Metern Entfernung eine Haltestelle vorhanden – an dieser fährt jedoch, wenn es hoch kommt, jede Stunde ein Ortsbus vorbei. Ein entscheidendes Kriterium beim öV ist also auch, ob der Anschluss zu einem hochwertigen Knotenpunkt gewährt ist. Ein Ortsbushalt am Waldra

nd ist weniger Wert als eine S-Bahn-Station, von der man im Viertelstundentakt zum Bahnhof SBB gelangt. In Muttenz wie Binningen gibt es Stellen, die zur Klasse 1 gehören, aber auch solche ohne Zuteilung, buchstäblich weisse Flecken.

In der Region Basel koordiniert das Agglomerationsprogramm Basel das Angebot im öffentlichen Verkehr, auch über die Landesgrenzen hinaus. Träger des Vereins sind, neben Basel-Stadt, Baselland, Solothurn und Aargau der Landkreis Lörrach und die Communauté d’Agglomération des trois frontières. Laut Agglo Basel ist die Dichte der Haltestellen nur ein Faktor von vielen punkto öV-Qualität – das bestätigt auch Martin Tschirren vom Städteverband. Agglo Basel schreibt: «Wichtig sind insbesondere auch der Takt und die Betriebszeiten. Diese sind in den genannten Gemeinden grundsätzlich sehr gut.» Zudem könne es durchaus auch eine gezielte Strategie sein, eine Verkehrserschliessung nicht flächenhaft im Mittelmass, «sondern in hoher Qualität, dafür räumlich konzentriert anzubieten».

Muttenz jedenfalls hat Verbesserungspotenzial erkannt – nicht für die eigene Bevölkerung, aber für die «Gäste». Im Neubau der Fachhochschule beim Bahnhof werden ab Herbst 2018 rund 3700 Studierende ein- und ausgehen. Die Gemeinde hatte sich für zwei zusätzliche Schnellzughalte stark gemacht – und wird sie auch erhalten.