Manche sehen in Elisabeth Augstburger den personifizierten guten Menschen. Stets freundlich, fast schon bis zum Überschwang, nie ein böses Wort, engagiert in unendlich vielen Ehrenämtern und Organisationen, stets zugunsten von Kindern, der Schwachen, Armen und der Umwelt. Andere betonen Augstburgers Religiosität und ihr offen praktiziertes Christentum. Die Dritten schliesslich schrecken vor so vielen guten Eigenschaften in ein und derselben Person zurück und vermuten hinter der Fassade einen Abgrund an freikirchlicher Bigotterie; oder zumindest eine unglaublich grosse Naivität.

Nur etwas erwähnen die wenigsten, wenn die Sprache auf Elisabeth Augstburger kommt: dass sie eine bis in die letzte Haarspitze überzeugte, leidenschaftliche Politikerin ist. Doch davon später mehr.

Stille Zeiten mit Gebet und Bibel

Zunächst braucht es zwei Klärungen. Frau Augstburger, sind Sie eine bigotte Frömmlerin? Die 56-jährige Liestalerin lächelt freundlich zurück – und verneint. «Ich stehe mit beiden Beinen im Leben.» Schon früh sei ihr wichtig gewesen, dass sich ihr Glaube an Gott auch im praktischen Leben auswirkt. 1983 absolvierte die gelernte Versicherungskauffrau eine theologische Ausbildung in Deutschland, worauf ein Einsatz in Guatemala mit einer Kindermusical-Tournee folgte. Ihren Platz hat sie in der evangelischen Schweizer Freikirche Bewegung Plus gefunden.

Die sonntäglichen Gottesdienste, aber auch tägliche private «stille Zeiten», die sie mit Gebet und Bibellektüre verbringt, betrachtet Augstburger als Fundamente ihrer ausgeglichenen Wesensart. Aufdrängen will sie sich nicht. «Aber wenn mich jemand nach meinem Leben als praktizierende Christin fragt, rede ich sehr gerne darüber.»

Völlig unbedarft stellen sich die Fragezeichen hinter ihrer Person nicht. Vor sechs Jahren machte ihr parlamentarischer und persönlicher, letztlich aber erfolgloser Widerstand gegen die Basler Sex-Messe Extasia schweizweit Schlagzeilen. Der «Sonntagsblick» setzte Augstburger sogar an einen Tisch mit der deutschen Porno-Darstellerin Annina Ucatis; wohl mehr auf eine verbale Entgleisung von ihr hoffend als von der Sexarbeiterin. Doch Augstburger blieb cool. Ihr sei es bei ihrem Engagement gegen Extasia in erster Linie um die Würde und Achtung der Frau gegangen. Wer mit Elisabeth Augstburger von Angesicht zu Angesicht redet, zieht die Aufrichtigkeit ihrer Überzeugungen keine Sekunde in Zweifel.

Die zweite Klarstellung: Frau Augstburger, sind Sie naiv? Augstburger denkt einen Moment nach – und lächelt. «Es ist nicht so, dass ich denken würde, alles kommt gut, und wir haben keine Probleme. Ich stelle mich Problemen und gehe diese selbstbewusst an. Darum würde ich mich nicht als naiv bezeichnen.»

Nicht alle werden der zweifachen Mutter und Grossmutter diese Selbsteinschätzung abnehmen, schon gar nicht im politischen Umfeld. Bezeichnend ist die Aussage von Miriam Locher, der jungen Fraktionschefin der SP im Landrat: «Elisabeth sucht stets nach Konsens und Harmonie. Das ist einerseits sicher eine gute Eigenschaft.» Andererseits müsse sie auch in der Lage sein, Entscheide zu fällen, die nicht auf allen Seiten auf Gegenliebe stossen «und sich so eben auch einmal unbeliebt machen», stellt Locher fest. Dieser Meinung begegnet man im Baselbiet oft. Elisabeth Augstburger sei schlicht zu nett, zu harmoniebedürftig und vielleicht auch zu gläubig für den immer rauer werdenden Politikbetrieb. Wenn sie kommenden Donnerstag vom Landrat auf den Sessel der höchsten Baselbieterin gehievt wird, dann werde sie sich in jene Reihe verdienter und beliebter, aber keineswegs einflussreicher Parlamentarier einreihen.

Rücktritt nach Präsidialjahr

Spätestens jetzt tut man Elisabeth Augstburger unrecht. Eine solche Konfliktunfähigkeit würde zweifellos durch anhaltende Erfolglosigkeit quittiert werden. Doch ihr bisheriger politischer Lebenslauf zeigt, dass sie sich unter anderem erfolgreich für rauchfreie Restaurants im Baselbiet und die verstärkte Suizidprävention im Kanton eingesetzt hat. Sämtliche Wiederwahlen schaffte sie stets problemlos. Auch in ihrer Partei, der EVP Baselland, hat sie Bemerkenswertes geleistet.

2004 war sie federführend beim Wiederaufbau der klinisch toten Liestaler Ortssektion, die nur vier Jahre später bei den Einwohnerratswahlen auf Anhieb zwei zusätzliche Sitze gewann. Als Liestaler Einwohnerrätin musste sie allerdings ihren bisher grössten Rückschlag hinnehmen: Ende 2014 schloss der Stadtrat aus finanziellen Gründen das nur schwach frequentierte Quartierzentrum Fraumatt, für dessen Eröffnung 2011 sich Augstburger mit viel Energie eingesetzt und auf dessen Integrationswirkung im Ausländerquartier sie grosse Hoffnungen gesetzt hatte.

Mit der Wahl zur 13. Landratspräsidentin seit der Kantonsgründung am kommenden Donnerstag («Ich hoffe auf ein gutes Wahlresultat») wird Augstburger die Spitze dessen erreichen, worauf ein Baselbieter EVPler maximal spekulieren darf. Für Vertreter der 5-Prozent-Partei bleiben unter normalen Umständen Regierungsämter und der Weg ins Berner Bundeshaus versperrt. Für Augstburger ist das gut so. Politisch setzt sie sich lieber in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld für jene ein, «die sonst keine Stimme haben». In der Baselbieter EVP hat sie sich stets am richtigen Ort gefühlt, weil die Kleinpartei die für sie zentralen Grundgedanken des Evangeliums, die Nächstenliebe und den Schutz des Lebens, hochhält.

Was Augstburger an Machtgedanken abgeht, kompensiert sie mit dem Ehrgeiz zugunsten ihrer Partei. Nach dem Präsidialjahr wird sie 2018 aus dem Landrat zurücktreten, um dem Nachrückenden, nach jetzigem Stand entweder Jonny Wüthrich oder Priska Jaberg, die Wiederwahl mit dem Prädikat «bisher» zu ermöglichen. Wegen der Amtszeitguillotine ist es für die 2003 als unbekannte Newcomerin auf Anhieb Gewählte ohnehin die letzte Amtszeit im Kantonsparlament.

Zuerst wollte sie gar nicht

Ihren Abschied aus der Politik wird dieser Rücktritt jedoch nicht bedeuten. «Ich will mein Leben lang politisieren, oder zumindest, solange ich noch kann», kündigt Augstburger an. Da ist sie, die leidenschaftliche, überzeugte Volksvertreterin, die so wenige Aussenstehende in ihr als grundlegenden Wesenszug erkennen. Auf ihr Comeback im Liestaler Einwohnerrat werde sie nach 2018 hinarbeiten, auch um den dritten EVP-Sitz zurückzuholen. Aufgrund ihres inzwischen riesigen persönlichen Netzwerks bestehen kaum Zweifel, dass ihr das gelingen wird.

Eine hübsche Pointe ist, dass sie zuerst keinen Gedanken an die Politik verschwendete. Als sie 2001 in den Liestaler Einwohnerrat nachrücken sollte, für den sie ein Jahr zuvor als Listenfüllerin kandidiert hatte, lehnte sie zuerst das Mandat ab. Es war ihr Mann Daniel, der sie dann doch noch zum Antreten überredete. Ihr Erfolg gab dem Ehegatten recht. 16 Jahre später erfolgt die Krönung von Elisabeth Augstburgers politischer Karriere.

Wird sie es, wie von Miriam Locher angemahnt, wagen, sich als Landratspräsidentin auch unbeliebt zu machen? «Ich kann mich durchaus durchsetzen. Selbst einem hartgesottenen Politiker kann ich Paroli bieten», kündigt Augstburger selbstbewusst an, «und das werde ich auch im Ratsbetrieb als Präsidentin tun.» Ihr Präsidialjahr stellt sie unter das Motto «Unterwegs im Baselbiet». Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Amtszeit scheinen gegeben.

Ihr Fraktionschef, der Grüne Klaus Kirchmayr, findet, dass sie in den letzten zwölf Monaten als Vizepräsidentin «herausragend gut» mit Vorgänger Philipp Schoch zusammengearbeitet und die Worterteilungen «immer souverän gemanagt» hat. Was SP-Landrätin Locher bestätigt: «Sie ist stets sehr präsent und gut auf die Ratssitzungen vorbereitet. Dieses seriöse Arbeiten ist wichtig und anerkennenswert.» Für CVP/BDP-Fraktionschef Felix Keller ist offensichtlich: «Sie wird viel Präsenz zeigen und mit ihren Charme das Baselbiet würdevoll vertreten.»