Wird in der Nordwestschweiz über künftige Bahnprojekte diskutiert, dann in der Regel über das Basler Herzstück, die geplante unterirdische S-Bahn-Verbindung vom Bahnhof SBB zum Badischen Bahnhof. Ähnlich hoch gehandelt wurde bis vor ein paar Jahren der Wisenbergtunnel.

Heute ist der dritte Juradurchstich kein Thema mehr. Den Wandel dieses Mammutprojekts bringen die Titel von ein paar Presseartikeln der letzten Jahre auf den Punkt: «Langer Wisenbergtunnel bis Liestal» (NZZ, 2003), «Neat ist sinnlos ohne Wisenbergtunnel» (bz, 2010), «Wisenbergtunnel hat für die SBB keine Priorität» (Oltner Tagblatt, 2015).

Der Abstieg widerspiegelt sich auch in den von Bund und SBB präsentierten bahntechnischen Meilensteinen der letzten drei Jahrzehnte: 1987 figuriert der Wisenbergtunnel als eines von vier Projekten im Bundesbeschluss zu Bahn 2000, der vom Volk angenommen wird. 1998 wird Bahn 2000 redimensioniert und auf zwei Etappen aufgeteilt. Doch der Wisenbergtunnel schafft es in keine der beiden.

Dies obwohl der Bundesrat damals festhielt, dass mit der Angebotserweiterung die Strecke Liestal-Olten mit rund 500 Zügen pro Tag an ihre Kapazitätsgrenze stosse und der Wisenbergtunnel neue Spielräume für Angebotserweiterungen beim Personenverkehr und Flexibilität beim Güterverkehr schaffe. Um diesen Vorteil nutzen zu können, seien aber andernorts zusätzlich grössere Investitionen nötig. Das wollte der Bundesrat nicht und manövrierte den Tunnel aufs Abstellgleis. Auf seinen Antrag hin strich das Parlament den Wisenbergtunnel wieder aus dem Bahn-2000-Gesetz.

Janiak als letzter Kämpfer

Seither steht der Tunnel auf dem Abstellgleis. So auch beim neusten, 11,9 Milliarden schweren Ausbauschritt 2035, den der Bundesrat vor ein paar Tagen zuhanden des Parlaments verabschiedet hat. «Der nächste Ausbauschritt wird in vier bis acht Jahren folgen, in dem wiederum alle Bedürfnisse abgeklärt werden», vertröstet Gregor Saladin, Mediensprecher des Bundesamts für Verkehr (BAV).

Dass die Bahnreise weiterhin Richtung Grossexpansion geht, daran lassen die Verkehrsprognosen keinen Zweifel. Das Bundesamt für Raumentwicklung sagt beim öffentlichen Verkehr bis 2040 eine Zunahme von 51 und beim Schienengüterverkehr ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2010 voraus. Trotzdem ist das Schicksal des Wisenbergtunnels sehr ungewiss. Denn dem Tunnel klebt in der Langversion von Liestal bis Olten seit 2008 aufgrund von Studien ein Preisetikett von 5,6 Milliarden an; dies inklusive der notwendigen Ausbauten rund um Olten.

Kein Wunder ist für den Baselbieter Ständerat Claude Janiak (SP) diese Tunnelgeschichte abschreckendes Beispiel. «Wir sind in der Nordwestschweiz gebrannte Kinder», sagte er kürzlich vor dem Lötschberg-Komitee in Anspielung auf den Wisenbergtunnel und in der Hoffnung, dass es beim Basler Herzstück anders laufen wird. Janiak, der die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen präsidiert, machte im gleichen Atemzug auch klar, dass der Wisenbergtunnel für ihn nach wie vor einen hohen Stellenwert hat: «Um die bereits bestehenden Engpässe auf dem Bahnnetz zu entschärfen und insbesondere dem Güterverkehr die Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, ist es notwendig, auch dieses Projekt rasch voranzutreiben.»

Doch mit solchen Forderungen ist Janiak einsam geworden. Der Kanton Baselland ist jedenfalls weit abgerückt von seiner einstigen Position, die Bau- und Umweltschutzdirektorin Sabine Pegoraro 2012 gegenüber der bz so umschrieb: «Wir halten den Wisenbergtunnel nach wie vor für absolut notwendig – und zwar vor 2040.»

Heute sagt Thomas Hohl, Verkehrsplaner in der Abteilung öffentlicher Verkehr bei der Bau- und Umweltschutzdirektion: «Für uns hat nicht der Wisenbergtunnel, sondern das Herzstück Basel Priorität. Denn im Agglo-Verkehr besteht der grösste Handlungsbedarf und da bringt das Herzstück der Region mehr Nutzen.» Vom Tunnel profitiere in erster Linie der Fern- und Güterverkehr. Doch das auch nur, wenn zusätzlich grössere Anschlussbauten Richtung Luzern und Zürich vorgenommen würden. Hohl lässt offen, ob und wie sich Baselland beim nächsten Ausbauschritt für den Wisenbergtunnel stark macht.

Und das Komitee Pro Wisenberg gibt es schon gar nicht mehr. Alt FDP-Landrat Dieter Schenk, bis Ende 2013 dessen Geschäftsführer, sagt: «Wir lösten uns auf, nachdem die beiden Basler Regierungen andere Bahnprojekte bevorzugt hatten, Basel-Stadt das Herzstück, Baselland den Ausbau im Laufental.» Schenks Prognose tönt nicht eben zuversichtlich: «Ich nehme nicht an, dass der Wisenbergtunnel in den nächsten 20 Jahren aufs Tapet kommt.»