Nach der Podiumsdiskussion formulierte es eine Muttenzerin so: «Das Ganze kommt mir vor wie damals mit dem Frauenstimmrecht. Gewisse Ewiggestrige wollen einfach nicht begreifen, dass die Zeit für den Systemwechsel gekommen ist.» Ob diese Einwohnerrats-Befürworterin am übernächsten Sonntag die Mehrheit der Muttenzer Stimmbevölkerung repräsentiert und sich über einen Abstimmungserfolg freuen kann, ist noch völlig offen.

Alt FDP-Gemeinderat Peter Issler sieht diesmal – im mittlerweile fünften Anlauf – «eine echte Chance», dass Muttenz auf das Ortsparlament umstellt. Andere glauben, dass die allgemeine Stimmung eher gegen den Systemwechsel spricht, und dass es auch diesmal beim blossen Versuch bleiben wird – nicht zuletzt mit Verweis auf das eindeutige Ergebnis an der Gemeindeversammlung vom 20. März, an der die Einwohnerratsgegnerschaft mit 171 zu 109 Stimmen die Oberhand behielt. CVP-Ortspräsident Thomas Schaub, der Chef des «Pro Einwohnerrat»-Komitees, sagt, dass er schlicht keine Prognose wagen wolle.

Lauer Abstimmungskampf

Zusätzliche Brisanz erhält das Thema durch die Einreichung einer Stimmrechtsbeschwerde durch Exponenten des «Pro Einwohnerrat»-Komitees , welche die «Basler Zeitung» Ende letzter Woche publik gemacht hat. Auch hier ist noch nicht absehbar, welchen Einfluss diese juristische Intervention auf den Einführungsentscheid haben wird.

Zu behaupten, dass ganz Muttenz dem kommenden Abstimmungssonntag entgegenfiebert, wäre indes verfehlt. Die paar wenigen Plakate, mit denen Befürworter und Gegner die neuralgischen Stellen der 17'000-Seelen-Gemeinde versehen haben, lassen nicht unbedingt auf einen erbitterten Abstimmungskampf schliessen. Thomas Schaub bestätigt, dass sein Komitee bis zum 23. September keine öffentlichen Auftritte mehr vornehmen wurd. In den Leserbriefspalten des «Muttenzer Anzeigers» melden sich vor allem «die üblichen Verdächtigen». Und zu besagter Podiumsdiskussion Ende August kamen nicht einmal 30 Zuschauerinnen und Zuschauer. Das kleine Häuflein gab im grossen Mittenza-Saal ein ziemlich tristes Bild ab.

Das ändert nichts an der Entschlossenheit, mit welcher Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker wie Anita Biedert den Systemwechsel herbeiführen wollen. Die SVP-Landrätin und Vizepräsidentin der Ortspartei betont immer wieder, dass es «so einfach nicht mehr weitergehen kann». Die Gemeindeversammlung sei mit der Komplexität der kommunalen Verwaltungsfragen überfordert und die Gemeindekommission, in der sie selber Mitglied ist, ein zahn- und kompetenzloses Gebilde. Den Verteidigern der althergebrachten Gemeindeversammlung wirft sie «Angst vor dem Aufbruch» vor. Peter Issler macht das Fehlen eines Ortsparlaments direkt für die hohe Schuldenlast der Gemeinde verantwortlich. Mit guter Vorbereitung könne der Gemeinderat an einer Gemeindeversammlung «jede Vorlage» durchbringen. Insbesondere bei komplexen Finanzvorlagen verlöre der normale Muttenzer Gemeindeversammlungsteilnehmer schnell den Überblick.

Neuer Anlauf, falls nötig

Solche Aussagen stehen frontal im Gegensatz zur Haltung von alt Gemeindeverwalter und SP-Mitglied Urs Girod. Der Trend spreche gegen die Einführung eines Einwohnerrats. Vielmehr dürfe der Einfluss des einzelnen Stimmberechtigten angesichts der Übermacht von politischen Eliten und Parteien nicht geschwächt werden.

Davon lässt sich SVP-Politikerin Biedert nicht beeindrucken. Sie werde so lange für die Einführung des Einwohnerrats kämpfen, bis der Systemwechsel in Muttenz vollzogen sei. Für den Fall einer Niederlage am 23. September kündigt sie bereits einen neuen Anlauf «in ein paar Jahren» an. «Vielleicht muss tatsächlich zuerst ein Generationenwechsel vollzogen sein, bis Muttenz reif für den Einwohnerrat ist», denkt Biedert laut nach.