Was Frank Wedekind vor über hundert Jahren klar als «Kindertragödie» bezeichnet hat, nämlich sein Stück «Frühlings Erwachen», hat sich seither zu einem Klassiker über Pubertäts- und Sexualitätsprobleme bei Jugendlichen entwickelt. Schauspieldirektor Elias Perrig inszeniert diese Kindertragödie nun aber ganz anders. Er lässt die Jugendlichen von älteren Schauspielern spielen und verlagert die Problematik zur Sexualität alter Menschen.

Entsprechend spielt das Stück nicht in einem Gymnasium und im kleinbürgerlichen Familien- und Schülermilieu um die letzte Jahrhundertwende, sondern in einem Altersheim von heute. Im Gespräch erläutert Elias Perrig, weshalb er nicht ein neues Stück über Sexualität von Senioren gewählt, sondern die «Kindertragödie» auf den Kopf gestellt hat. Es gebe, so Perrig, komischerweise kein Stück, das sich mit dem Altern auseinandersetzt und gleichzeitig auch sprachlich so hoch stehend und so hochpoetisch sei wie «Frühlings Erwachen».

Das Stück ist inhaltlich für Perrig insofern veraltet, als es diese Form von sexueller Unaufgeklärtheit und Unterdrückung der Jugendlichen nicht mehr gibt. Jugendliche haben immer noch Probleme mit der Sexualität, aber diese sind völlig anders gelagert. Zudem könnten heute junge professionelle Schauspieler in ihren Rollen nicht allen Ernstes behaupten, dass sie nicht wüssten, woher die Kinder kommen. Er sieht insofern auch etwas Verstaubtes im Stück.

Heutige Tabus berühren

«Das Interessante am Text ist, dass man ihn nur kennt unter der Folie der Pubertät, und wenn man diese einmal weglässt, merkt man erst, welche Tiefe dieser Text generell hat», sagt Perrig. Für ihn ist es interessant, festzustellen, dass Leute, die zurückblicken auf das Leben und es nicht mehr vor sich haben, zu denselben Punkten kommen wie die Jugendlichen bei Frank Wedekind.

Er merkte auf den Proben, dass das Thema der Sexualität älterer Menschen ein Thema ist, das heutige Tabus berührt. Es habe, so Perrig, auf den Proben intensive Gespräche gegeben zum Thema; er habe auch viel lernen können zum Altwerden. Natürlich habe er die Mutter Wendlas nicht von einer Neunzigjährigen spielen lassen, wenn die Wendla auf der Bühne selbst schon im Grossmutteralter sei. Die Generationen wurden umgekehrt.

Die Eltern werden durch junge Pflegerinnen im Altersheim ersetzt, die Rollen werden anders bezeichnet. Solche Umstellungen mussten gemacht werden. Es reichte nicht, einzelne Texte zu streichen oder leicht zu ändern. Einige Szenen wurden auch gestrichen.

Die Länge des Rocks

Auf die Frage nach Beispielen für diesen Umkehrprozess antwortet Perrig: «Etwa will eine alte Frau einen ganz kurzen Rock tragen – das wird von der Gesellschaft nicht goutiert, und im Heim verbietet man ihr diese Kürzung.

Das Tabu hat sich verschoben, es ist aber dasselbe. Es ist nicht ein ästhetisches Problem, sondern man spricht damit der alten Frau die Sexualität ab. Auch der Bereich der Schule wurde weggelassen, einige Stellen konnten für die Heimsituation übertragen werden, so tabuisiert die Heimleitung gewisse Themen, wie es einst die Lehrer getan haben. Oder jemand wie Martha Bessel will immer abhauen – das gibt es auch in Altenheimen, wo man Fenster vergittert und ähnliche Abgeschlossenheiten erzeugt wie einst die Schule.»

Zum Schluss will Perrig noch zwei Dinge erwähnen. Der Selbstmord – Monolog von Moritz Stiefel, gespielt von Urs Bihler, bekommt, wenn ihn ein älterer Mann wie er spricht, eine ungeheure Dimension, welche ein ganz junger Schauspieler gar nicht aufbauen kann. Da wird offensichtlich, wie dieses Sprachstück weite Räume öffnet. Zudem singen die Schauspieler alte deutsche Volkslieder, bloss von einer Gitarre begleitet. Das zeigt die Stimmung in diesen Räumen, den emotionalen Aspekt in diesen älteren Menschen.