Als Urs Steiner 2002 zum CEO gewählt wurde, war die Elektra Baselland (EBL) ein solider, aber etwas biederer, kleiner Elektrizitätsverbund, der Strom einkaufte und an seine Mitglieder weitergab. Energiepolitisch war man – wie viele andere in der Strombranche – konservativ: Wer sich damals im Hauptgebäude an der Liestaler Mühlemattstrasse kritisch zur Atomenergie äusserte, erntete schiefe Blicke. Steiner formuliert es so: Die EBL sei wie eine Kokosnuss gewesen. Harte Schale, wunderbarer Kern. «Meine Aufgabe war es, diese Kokosnuss zu öffnen.»

16 Jahre später ist alles anders: Die EBL wird als ökologisch innovatives und finanziell kerngesundes Energie-KMU gelobt. «Die Vorreiterrolle, welche die EBL unter der Führung Steiners eingenommen hat, ist beachtlich», kommentiert der Laufner FDP-Landrat Rolf Richterich, ein Parteikollege Steiners. Letzterer sagt nicht ohne Stolz: «Wir sind in der Branche die bunten Hunde.» Der Umsatz hat sich unter seiner Leitung mehr als verdreifacht (auf aktuell 240 Millionen Franken pro Jahr), die Geschäftsfelder wurden geografisch und inhaltlich Schritt für Schritt ausgeweitet.

Risiken eingegangen

Steiner hat etliche Projekte ausserhalb des Versorgungsgebiets angestossen: Mit der Übernahme der Video Laufen AG konnte die EBL ins Kabelnetzgeschäft einsteigen, sie baute in Gstaad einen mit Holzschnitzeln betriebenen Fernwärmeverbund auf und investierte zusammen mit Partnern 180 Millionen Franken in ein solarthermisches Kraftwerk in Spanien. Für die kleine EBL eine Riesenkiste. Ob die neuartige Technologie funktioniert und die Anlage wirtschaftlich rentiert, war beim Bau vor acht Jahren unklar: «Ein Scheitern hätte die EBL zwar nicht in Gefahr gebracht, wäre aber ein herber Rückschlag gewesen», sagt Steiner. Er selbst wäre wohl seinen CEO-Job los gewesen.

Für ihn war dennoch klar: Wenn nicht die EBL als genossenschaftliches Unternehmen Innovation betreibt und auch mal bereit ist, Risiken eingehen – wer dann? Steiners Lieblings-Hobby passt gut zu seiner Unternehmer-Philosophie: Der begeisterte Sportler und ehemalige Fussballer hat fast alle 46 Schweizer Viertausender bestiegen und stand mehrere Male auf dem Matterhorn. Der Gipfel ist das Ziel, doch man muss abbrechen können, wenn die Bedingungen schlecht sind. «Verbissenheit führt zu nichts, weder am Berg noch im Büro», sagt er. Erst vor wenigen Tagen hat die EBL ihre Pläne für einen Windpark auf dem Schleifenberg ob Liestal mangels Rentabilität auf Eis gelegt.

Diese Lektion musste der Schwerarbeiter freilich lernen: Mit dem Spanien-Projekt und dem Ausbau des Telekom-Bereichs hatte er mächtig Gas gegeben und sich Jahre keine Ferien mehr gegönnt – bis an einem Tag im April 2012 nichts mehr ging. Burnout. «Ich konnte nicht mehr lesen, ich konnte nicht mehr als 100 Meter gehen, alles war grau.» Steiner holte sich professionelle Hilfe und ging im Gegensatz zu anderen Managern offen mit seinen Problemen um. Beides half. «Nach der Rückkehr führte ich in der EBL ein klares Regime ein: Ferien müssen von allen Mitarbeitenden – inklusive mir – bezogen werden.»

Langhaarig an Anti-AKW-Demo

Steiner, vor wenigen Tagen 64-jährig geworden, leitete die EBL mit viel Überzeugungskraft und Spass. «Er kann mitreissen und sieht in einer Herausforderung in erster Linie Chancen anstatt Probleme», sagt sein Nachfolger Tobias Andrist (40). Darin liegt wohl Steiners grösste unternehmerische Leistung: Er erkannte früh das wirtschaftliche Potenzial der erneuerbaren Energien und trieb Projekte mit Weitsicht und innerer Überzeugung voran. «Dies zu einer Zeit, als in der Branche die Energiewende kein Thema war», wie Richterich betont. Mit seiner AKW-kritischen Haltung stand Steiner zu Beginn seiner CEO-Jahre unter den Strombaronen im Verwaltungsrat der Alpiq allein auf weiter Flur.

Als Fachhochschüler sah man ihn mit langen Haaren an Demos gegen das geplante AKW Kaiseraugst. Es wäre jedoch ein Missverständnis zu meinen, Steiner wäre Teil jener Öko-Bewegung gewesen. «Ich bin kein Weltverbesserer, kein Fundi.» Der Laufner wuchs in bürgerlich-konservativem Milieu auf, dem «halben Bauernsohn» wurde ressourcenschonendes Handeln quasi in die Wiege gelegt. «Ich habe mich als Jugendlicher fürchterlich aufgeregt, wenn ich irgendwo Verschwendung feststellte.»

Die Überraschung war gross, als der Energieingenieur und FDP-Politiker bei der EBL von Beginn weg konsequent auf erneuerbare Energien setzte. Philipp Schoch, der ehemalige Grünen-Landrat und Präsident der Umweltschutz- und Energiekommission, sagt dazu: «Die Progressiven hatten mit Urs Steiner plötzlich einen Verbündeten in einer wichtigen Position. Das war so nicht zu erwarten.» Demgegenüber bedauert Steiner, dass in seiner Partei grüne Ideen lange als Teufelszeugs verschrien waren: «Die FDP hat zu spät erkannt, dass erneuerbare Energie und Energieeffizienz einen Wirtschaftsfaktor darstellen und Arbeitsplätze schaffen.» Das habe unnötigerweise dazu geführt, dass neue Parteien wie die GLP in die Bresche gesprungen seien.

Bereits die Ernennung Steiners hatte Erstaunen ausgelöst: Zwar amtete er zu jener Zeit als Gemeindepräsident von Laufen und FDP-Landrat – war im Baselbiet also in weiten Kreisen bekannt. Doch an der Spitze der Liestaler Elektra ein Laufentaler – und ein Berntreuer noch dazu? Für einige war das nicht einfach zu verdauen. Steiner stellt die anfängliche Skepsis nicht in Abrede, sagt aber: «Wir haben auf beiden Seiten bald gemerkt, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Die Oberbaselbieter und Laufentaler sind sich mentalitätsmässig sehr ähnlich. Beides sind Kämpfernaturen.» Steiner zählt zu jenen ehemaligen Berntreuen, die sich im neuen Kanton engagierten. «Das war ein demokratischer Entscheid. Für mich war es selbstverständlich, nach vorne zu schauen.»

Historische Chance verpasst

Steiners Pragmatismus und Offenheit zahlten sich aus. 2004 wurde er Verwaltungsratspräsident der Waldenburgerbahn (WB). In dieser Funktion kämpfte er für den Erhalt der WB und gleiste den Neubau und die Integration in die BLT auf. Heute gilt er als eine der am besten vernetzten Persönlichkeiten der Baselbieter Polit- und Wirtschaftsszene. Bereits vor seiner Zeit bei der EBL war Steiner als Regierungsratskandidat im Gespräch, scheiterte aber 2000 im FDP-internen Nominationsverfahren am späteren Regierungsrat Adrian Ballmer.

Obwohl er die historische Chance verpasst hat, als erster Laufentaler in die Baselbieter Regierung gewählt zu werden, sagt er: «Rückblickend war das meine schönste Niederlage. Ich habe wenig später ja meinen Traumjob erhalten.» Man glaubt ihm, dass er nicht hadert. Hohe politische Ämter wie National- oder Ständerat seien kein Thema mehr. Steiner könnte sich nach der vorzeitigen Pensionierung mit Verwaltungsrats- und Beratermandaten zudecken; die Übernahme eines einzigen stellt er in Aussicht. Von Andrist hat er ein Angebot für ein 20-Prozent-Pensum erhalten – und dankend abgelehnt.

«Meine Mission ist erfüllt. Er benötigt meine Hilfe nicht.» Steiner hatte gestern Freitag seinen Letzten. Es scheint, als könne er nun loslassen.