B – dieser Buchstabe ändert den Eindruck, den man von Aslam Timur gewinnt, komplett: Beim ersten Treffen vor ein paar Wochen erzählte er zwar genauso kenntnisreich auf Deutsch von seinem wendungsreichen Leben. Aber nach zwei Jahren und zehn Monaten im Asylverfahren, einem ablehnenden Entscheid und einem hängigen Rekurs, wirkte Timur spürbar ernüchtert. Ende April hat der Asylsuchende, der sich 2015 der Schweizer Polizei fast aufzwingen musste, dann einen positiven Bescheid bekommen. Bald wird er ihn in den Händen halten: den Ausländerausweis B.

Sommer 2015. Timur hat Wien erreicht, anders als die meisten will er aber in die Schweiz weiter. Die Schweiz sei von Anfang an das Ziel seiner Flucht gewesen. Er wollte in ein Land, das nie im Krieg war. Der Anzug, den er früher im afghanischen Fernsehen trug, war bisher in seinem Gepäck verstaut. In Wien zieht er ihn an. So gekleidet wirkt er adrett und offiziell. Andere Flüchtende halten ihn für einen Behördenvertreter oder einen Kontrolleur. «Dabei war es für mich das erste Mal, dass ich in einem Zug gesessen bin», lacht Timur heute.

Heute ist es undenkbar, dass man ohne Kontrolle im Railjet von Wien nach Zürich fährt, aber 2015 war es anscheinend noch möglich. In Zürich angekommen, suchte Timur nach Polizisten. Stundenlang traf er keine an – und auch als er auf einem Polizeiposten vorstellig geworden war, wollte man ihm erst nicht glauben: Dieser Mann soll direkt aus Afghanistan gekommen sein? Man brachte ihn nach Kreuzlingen, nach etwa einem Monat folgte der Transfer in die Asylunterkunft von Therwil, in der Timur seither lebt.

Nahm kein Blatt vor den Mund

«Arbeiten ist eine Form des Betens», davon ist Timur überzeugt. Sein Grossvater habe ihm das mitgegeben. Bis ins Alter von 102 habe der einen kleinen Kiosk geführt. 16 Stunden pro Tag arbeitete Timur in Afghanistan, zeitweise lebte er in einer Wohnung oberhalb des Fernsehstudios.

Aslam Timur – seit vorgestern 28 Jahre alt – hat einen Abschluss als Raumplanungsingenieur. Den Beruf hat er aber nie ausgeübt, denn am Ende seines Studiums war Timur bereits ein bekannter Journalist. Fünf Jahre lang stand er vor und hinter der Kamera. Die längste Zeit davon war Timur Moderator der täglichen Morgenshow auf Ayna TV, einem der grössten afghanischen Privatsender. Nach 90 Minuten Live-Sendung war Timur phasenweise als Reporter unterwegs, hostete eine Polit-Sendung speziell für Junge, erledigte Produktions- und Schnittarbeiten oder wirkte in einem Projekt für Frauenrechte. Seine Aufgabe im Frauenrechtsprojekt: Videointerviews und Sensibilisierung im ländlichen Raum.

Zahlreiche Fotos hat Timur von dieser Tätigkeit aufbewahrt. Manchmal sass er nur mit Männern zusammen, manchmal blicken Frauengesichter in die Kamera; eines seiner Fotos zeigt eine Interviewgruppe, in der fast alle vollverschleiert sind. Oft sei er on the road für Mädchenbildung und gegen häusliche Gewalt Leuten begegnet, die noch nie zuvor eine Kamera gesehen hatten. Timur tastete sich an die Frauenthemen langsam ran: Er fragte erst nach den allgemeinen Problemen. Seine eigenen Ansichten gab er erst in kleineren Gruppen preis und thematisierte dann die heiklen Dinge. Diese Arbeit war nur mit persönlichem Schutz möglich; ein Soldat in zivil begleitete ihn.

Trotzdem sei er bedroht worden. Die Tätigkeit könne ihm den Tod bringen, liess man ihn wissen. Viele Male. Seine Familie hoffte, er würde sich dem Ingenieurberuf zuwenden. Timur machte weiter: «Manche haben gesagt, ich sei verrückt. Dabei ist Journalismus einfach das beste und wichtigste Mittel, um Unrecht aufzuzeigen.» Mit Kritik an den Verhältnissen in Afghanistan habe er bereits früher nicht gespart. Auch heute gibt er klare Kante: «Wenn Zivilisten und Militärs sterben, macht die Regierung ihre Zahl kleiner. Sind es Taliban, übertreiben die offiziellen Zahlen. Die echte Anzahl Toter erfährt man nie.»

Die Situation in Afghanistan macht Timur nicht nur traurig, sondern treibt ihn auch an. Anfang November 2017 wurde sein Kurzfilm «Mein Afghanistan» im Burghof Lörrach gezeigt. Den Applaus für sein Werk konnte Timur nicht erleben. Die deutsche Grenze war unüberwindlich, denn 2017 befand er sich ja im Rekursverfahren gegen einen abgelehnten Asylentscheid.

«Mein Afghanistan» zeigt Archivbilder, die vor Timurs Geburt entstanden sind: westlich gekleidete Frauen, repräsentative Bauten, modernes Leben in den 70er-Jahren. «Unter dem letzten König und dem ersten Präsidenten war ein fortschrittliches Leben in Afghanistan möglich – auch wenn für die Armen nichts getan wurde. Heute muss sich mein Vater wie ein Taliban kleiden, damit er in Sicherheit bleibt.» Die Taliban und die konstante Unsicherheit, wer mit ihnen sympathisiert, präge den afghanischen Alltag und die Politik.

Traum: eigene Filmerbude

Von afghanischen Politikern scheint Timur heute wenig zu halten. Er beklagt verdeckte oder gar offene Zusammenarbeit mit Islamisten – und Korruption: «Die Sowjetunion hat Afghanistan zehn Dollar genommen und zwei zurückgegeben. Die USA nehmen Afghanistan zehn Dollar, geben einen zurück und der versickert in der Korruption», so Timur. «Die afghanischen Politiker lieben nur das Geld in ihrer Tasche.»

Vor vier Jahren gab es einen Moment, in dem Timurs Hoffnung auf politische Veränderung geweckt worden war: bei der Kandidatur des heutigen Präsidenten Ashraf Ghani. In Ghani, der lange im Westen lebte und mit einer libanesischen Christin verheiratet ist, glaubte Timur jemanden zu erkennen, der Afghanistan Frieden und Freiheiten bringen kann. Timur hatte ein kurzes Unterstützungsvideo gedreht und auf Facebook gestellt.

Das Video wurde oft geteilt – zu oft. Von Timur aufbewahrte Screenshots seines fatalen Viral-Hits zeigen Leute, die sein Video gepostet hatten. Daneben die Zahlen: 458 mal geteilt, 461 mal geteilt, 321 mal geteilt und so weiter. Ghanis Politik hat Timur mittlerweile enttäuscht; Ghanis Wahlkampf hatte Timur endgültig zur Zielfläche für die Taliban gemacht. Ein Motorradfahrer überfiel ihn und übermittelte ihm die Botschaft. Er soll gehen oder werde sterben.

In der Schweiz ist Timur vielseitig engagiert: als Helfer, als Kameramann und Cutter unter anderem beim Baselbieter Roten Kreuz und in der katholischen Kirche Therwil. Der Muslim Aslam Timur ist überzeugt, dass alle Religionen mehr verbindet, als sie trennt. Trotzdem war er in seinen bisherigen zwei Jahren und zehn Monaten in der Schweiz häufig untätig, besonders im Kontrast zu den 16-Stunden-Tagen seines früheren Leben. Die Untätigkeit hat ihn deprimiert, vor allem als er damit rechnen musste, dass sein Asylantrag abgelehnt wird.

Nun aber: Ausweis B – so viel Glück liege im Buchstaben B! Bald darf Timur eine Wohnung suchen. Am liebsten würde er in der Gemeinde bleiben. «In Therwil wurde ich wie neu geboren. Es ist der Ort, an dem ich die hiesige Sprache und Kultur erstmals kennen gelernt habe», erklärt Timur.

Und was steht sonst an? Natürlich möglichst bald eine Stelle finden. Auf seinem Laptop-Hintergrund prangt der Schriftzug «timurProductions», aber die eigene Filmerbude sei momentan erst ein Traum.