«Wir sind auch nach einem Erdbeben für Sie da», wirbt die Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) für ihre Hypotheken, die seit Anfang Oktober automatisch mit einer Erdbebenversicherung verbunden sind. Doch ist das Beben stark, müsste die BLKB sagen: «Wir sind auch nach einem Erdbeben für Ihre Erben da», denn die Hauseigentümer dürften dann erschlagen unter den Trümmern ihrer Häuser liegen: Die Versicherung schützt nur vor den finanziellen Folgen eines Bebens und ermöglicht den Wiederaufbau.

Auch gegen das Einstürzen könnte man Vorkehrungen treffen, indem man erdbebensicher baut. Doch hat die Schweiz die Erdbebenprävention lange vernachlässigt: Erst seit 1989 gibt es moderne Erdbeben-Baunormen, schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Aufgestellt hat diese der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA). «Die Erdbebenbestimmungen der SIA-Normen werden oft ignoriert oder nicht vollumfänglich eingehalten», stellt das Bafu aber fest.

Kanton wäre zuständig

Dies bedeutet bei einem Beben nicht nur Lebensgefahr für die Bewohner, sondern ist auch schlecht für die Versicherer. Bei Häusern mit einer BLKB-Hypothek müssen die Bâloise und die Helvetia Versicherungen für den Schaden aufkommen. Dass sie deswegen ein Interesse an einer erdbebensicheren Bauweise haben, leuchtet Helvetia-Pressesprecher Hansjörg Ryser unmittelbar ein. Er stellt jedoch fest: «Wir können keinen direkten oder indirekten Einfluss auf die Bauweise von Gebäuden nehmen. Diese fliesst über unsere Risikokalkulation schliesslich in das Pricing der Prämien ein.» Und für die Basler Versicherungen stellt Patrick Pensa fest: «Wir führen selbst keine Kontrollen durch. Die unterschiedliche Bauweise innerhalb des versicherten Gebäudeparks ist eine Tatsache, die in die Prämienkalkulation der Erdbebenversicherung mit einfliesst.»

Mit anderen Worten: Für nicht erdbebensichere Häuser bezahlt die BLKB tendenziell höhere Prämien, hat somit höhere Kosten und macht weniger Gewinn. Dies tangiert auch die Interessen des Kantons Baselland als Eigentümer der Bank. BLKB-Sprecher Christoph Loeb relativiert allerdings: Einen Einfluss habe die Bauweise nur bei Neubauten und somit nur bei einem geringen Teil der BLKB-Hypotheken. Zudem könne die Bank nicht selbst die Einhaltung von Gesetzen und Baunormen überprüfen. «Dies ist Aufgabe der kantonalen Bewilligungsbehörde.»

Kanton kontrolliert nicht

Doch da findet keine Kontrolle statt: «Die SIA-Normen werden im Kanton Baselland nach wie vor nicht über das Raumplanungs- und Baugesetz als für anwendbar erklärt», berichtet der kantonale Bauinspektor Andreas Weis. Grundsätzlich gelte, dass alle Bauten die notwendige Standfestigkeit aufweisen müssen. Der Ingenieur trage die Verantwortung für die statischen Berechnungen. «Diese Vorgaben und die Verpflichtung, nach den Regeln der Baukunde zu bauen, sollten bereits heute eine angemessene Bauweise sicherstellen.» Dieser offiziellen Baselbieter Haltung widerspricht die Feststellung des Bafu, dass SIA-Normen oft ignoriert werden: «Zu den vielen vorhandenen bei Erdbeben gefährlichen Bauwerken kommen deshalb ständig neue gefährliche Bauwerke hinzu.»

Andere Kantone, etwa der Aargau, berücksichtigen Erdbeben im Baugesetz: «Alle Bauten und Anlagen müssen hinsichtlich Fundation, Konstruktion und Material die für ihren Zweck notwendige Festigkeit aufweisen, genügend sicher vor Erdbeben, Hochwasser und anderen Naturgefahren sein.» Verena Sommerhalder, Leiterin Rechtsabteilung des Aargauer Baudepartements, ergänzt: «Die Aargauische Bauverordnung schreibt vor, dass Baugesuchsteller bei Neu- und Erweiterungsbauten eine Erklärung abgeben, dass sie die Grundsätze der Erdbebentauglichkeit einhalten.» Doch seien die Gemeinderäte als Baupolizeibehörde nicht verpflichtet, bei der Bauausführung die Einhaltung der einschlägigen SIA-Norm 261 lückenlos zu überprüfen, weil dies zu aufwendig und zu teuer wäre.

Mit dieser Selbstdeklaration wählt der Aargau die Minimalvariante der Verfahren, welche der Bund den Kantonen empfiehlt und dafür auch fertige Formularsätze auf der Bafu-Website bereitstellt. Die Maximalvariante wählt der Kanton Wallis: Dort muss ein Baugesuch nicht nur eine allgemeine Erklärung enthalten, sondern auch die Berechnungsgrundlagen für die Erdbebensicherheit. Bei Bauten mit mehr als zwei Stockwerken lässt der Kanton diese durch Fachleute überprüfen.

Einen Mittelweg geht Basel-Stadt: Es wird konkret ein SIA-Erdbebensicherheits-Nachweis durch einen Prüfingenieur gefordert. «Der Kanton prüft diesen Nachweis stichprobeweise nach», erläutert Luzia Wigger, Leiterin des Bauinspektorats. Falls man feststellt, dass die Erdbebensicherheit nicht eingehalten wird, muss der Bauherr die Überprüfung bezahlen. Ist alles in Ordnung, übernimmt der Kanton die Kosten. «Wir machen grundsätzlich gute Erfahrungen. Durch dieses gesetzlich verankerte Vorgehen wurde die Bauherrschaft auf die bestehenden SIA-Normen und die Erdbebensicherheit beim Bauen sensibilisiert.»

Vielleicht zieht Baselland nach

Im Baselbiet arbeitet die Regierung – angestossen durch die Gebäudeversicherung – an einem «Gesetz über die Brand- und Elementarschaden-Prävention». Ob die SIA-Normen oder allgemein erhöhte Anforderungen bezüglich Erdbebensicherheit künftig in das Baubewilligungsverfahren verbindlich einfliessen sollen, sei bei den Arbeiten an diesem Gesetz andiskutiert worden, erklärt Bauinspektor Andreas Weis. «Es kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch noch keine Aussage darüber gemacht werden, ob das Thema Erdbebensicherheit definitiv einer gesetzlichen Regelung unterstellt wird.» Dies müsse der Gesetzgeber entscheiden.