Am Mittwoch beginnt der Countdown zu Liestals wahrscheinlich wichtigstem Geschäft: Der Quartierplan Bahnhofcorso mit neuem Bahnhof und Hochhaus kommt in den Einwohnerrat. Das ist zwar nicht spektakulär, weil das Ortsparlament das Geschäft – begleitet von ersten Einschätzungen der Fraktionen – an die Bau- und Planungskommission überweisen wird. Am Ende des parlamentarischen Prozesses, das heisst voraussichtlich im April, dürfte es aber spannend werden. Denn dann steht zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt in Liestal wieder eine Referendumsabstimmung im Raum.

Stein des Anstosses ist nicht der neue Bahnhof. Hinter dem viergeschossigen Aufnahmegebäude und dem angegliederten sechsgeschossigen Bürobau stehen nach wie vor alle wahrnehmbaren Kreise mit Wohlwollen bis Euphorie. Doch das feingliedrige Ensemble von Burkhard Meyer Architekten, das im letzten Frühling den Architekturwettbewerb gewann, ist sozusagen das Kompensationsgeschenk der SBB für das nebenan geplante Hochhaus. Wie die beiden Bauvorhaben zusammenspielen, sagte der zuständige Stadtrat Franz Kaufmann schon vor einem halben Jahr ungeschminkt in der bz: «Die SBB wollen ein gewisses Volumen. Wenn sie uns einen neuen Bahnhof hinstellen, wir das Volumen aber nicht dort wollen, müssen wir ihnen eine Alternative zugestehen. Und das ist das Baufeld A mit dem Hochhaus.»

Masterplan gefordert

Dass dieses Hochhaus mit einer maximalen Höhe von 57 Metern und einer maximalen Bruttogeschossfläche von 12 500 Quadratmetern aber kein Selbstläufer wird, zeigte das obligatorisch durchgeführte Mitwirkungsverfahren. Dabei wehrten sich mehrere prominente Liestaler gegen den künftigen, das Stadtbild dominierenden Bau, dessen Details aber erst nach dem noch ausstehenden Architekturwettbewerb bekannt werden. So etwa der Architekt Raoul Rosenmund. Er sagt: «Das massige Hochhaus sprengt den Rahmen Liestals. Für das unverhältnismässig grosse Bauvolumen neben der Bibliothek gibt es keine städtebauliche Begründung – es geht nur um die höhere Rendite.»

Weil er die Entwicklung am Bahnhof nicht verhindern wolle, hätten er und andere vorgeschlagen, den Quartierplan auf das Bahnhofsgebäude zu beschränken und die weniger klaren Bereiche dahinter mit einem unverbindlicheren Masterplan zu regeln. Auch deshalb, weil die Nutzung des Hochhauses nach dem Ausstieg des Kantons als Ankermieter ungewiss sei. Doch Rosenmund lief mit seiner Forderung ins Leere. Er hofft jetzt auf «ein klares Votum des Einwohnerrats für eine starke, aber vernünftige Zukunft als Kleinstadt und gegen von aussen aufgezwungene, entrückte Experimente als Möchtegern-Grossstadt». Falls nicht? «Dann erwäge ich, das Referendum zu ergreifen.»

Auch der alt Stadtrat und heutige Präsident des Baselbieter Heimatschutzes Ruedi Riesen hadert mit der Situation: «Das geplante Hochhaus steht am falschen Standort und wirkt dort zufällig.» Wie Rosenmund fordert er einen grossräumigen Masterplan. In die gleiche Richtung zielt im Übrigen die kantonale Denkmal- und Heimatschutzkommission, die die Hochhausfrage beim Bahnhof in einem grösseren Perimeter betrachten will, um Aussagen auf das Liestaler Ortsbild machen zu können.

«Hochhäuser auf Talboden»

Zum Verfahren sagt Riesen: «Das Mitwirkungsverfahren war eine Farce, und man ist überhaupt nicht auf unsere Anliegen eingegangen. Jetzt muss man mit einer Einsprache gegen das Baugesuch nachdoppeln.» Auch das Referendum sei eine mögliche Variante, aber er werde dabei sicher nicht Zugpferdchen sein, weil er die Planung des eigentlichen Bahnhofs nicht verzögern wolle. Riesen ergänzt: «Investorenabhängige Baulösungen führen selten zu befriedigenden Resultaten.»

In einem Dilemma steckt auch Jürg Holinger. Das einstige Grünen-Schwergewicht in Liestal will sich mit seinen Parteikollegen nicht verkrachen. Trotzdem hat er sich letzte Woche mit einem Leserbrief in der bz aus der Deckung gewagt und die Bahnhofsplanung, bei der man nicht wisse, wie es hinter dem Hochhaus weitergeht, kritisiert.

Zum Hochhaus selbst sagt Holinger: «Solche Bauten gehören ins Erdgeschoss, das heisst auf den Talboden, wie es auch der Kanton in seinem Konzept postuliert. Das Bahnhofgelände ist in Liestal aber das zweite Stockwerk.» Zur Unterstützung eines allfälligen Referendums will sich Holinger zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf die Äste hinauslassen.

Die Person, die vor rund zehn Jahren in Liestal das bisher letzte erfolgreiche Referendum, gegen den Hanro-Quartierplan, ergriffen hat, ist alt Stadtrat Heiner Karrer. Er sei jetzt aber «kaum» dafür zu haben, obwohl auch für ihn das SBB-Hochhaus zu hoch und zu breit ist. Karrer sagt: «Ich habe tendenziell den Quartierplan Bahnhofcorso lieber mit dem Hochhaus, als dass ich das ganze Projekt gefährde.»