Brauchen wir nun auch noch Rating-Agenturen, Sterne-Verteiler und mediale Atteste für unser Basler Brauchtum? Die Basler Fasnacht ist ein Selbstläufer, der sich nicht messen muss. Und so betrachtet waren die drei Tage der vergangenen Woche ein mustergültiger Jahrgang in jeder Beziehung.

Was ist denn der Sinn und die Aufgabe der Fasnacht? Wir haben es an dieser Stelle schon einmal erwähnt: Es ist die anklagende, kritisierende Rolle des Hofnarren, gelindert durch fröhliche, familiäre Freundschaftspflege und gestaltet durch künstlerische Ausdrucksformen verschiedenster Art. Allen diesen Attributen ist die Fasnacht 2012 in ausserordentlicher Art gerecht geworden.

In den letzten Jahren wird immer wieder kritisiert, die Kritik und der Biss in unserer Fasnacht kämen zu kurz. Man sei zu lieb, zu unverbindlich und zu rührselig nostalgisch. Dabei hat der Trend der letzten Jahre zu ernsthaften und spitzigen Abrechnungen mit Übeln unserer Zeit auch dieses Jahr unvermindert angehalten. Zähne wurden gezeigt. Degen haben zugestochen. Ja, sogar Sensen haben gemäht. So haben die Alten Stainlemer den Weltuntergang als Ändstraich zelebriert. Die Olympia hat den Wirtschaftskapitänen die «Entlass en masse» um die Ohren gehauen. Die Opti-Mischte haben den €uro mitsamt Griechenland begraben. Und wer den raffsüchtigen Menschen bei der Seibi als reissenden Wolf erlebt hat, der kann wohl kaum von gefühlsduseliger Fasnachts-Seligkeit reden.

Das Hülftenschanz-Trauma

Natürlich sind auch die Lokal-Satiriker auf ihre Rechnung gekommen, etwa mit einer «Malamania» des CCB, mit der J. B. Clique Santihans und anderen zu den Basler Avancen in Moskau oder mit dem ewigen Hülftenschanz-Trauma bei der Pfluderi-Clique, der Alte Richtig und weiteren. Die Wagen-Cliquen haben wieder einen Zacken zugelegt mit prächtigen Sujet-Darstellungen anstelle der früher üblichen, eher belanglosen «Stroh-Wagen». Im Weiteren ist es vor allem den Jungen Garden wie immer vorbehalten, den liebenswürdigen Ausgleich mit fröhlichen und «häärzigen» Zügen zu schaffen.

Von den rund 500 Gruppierungen in den Cortèges und den gegen hundert Schnitzelbängglern ist das ganze Spektrum der Sujets genüsslich und gekonnt ausgekostet worden. Wohl sind einige zentrale Themen herausgestochen, insbesondere eben die drängenden Probleme der Wirtschafts- und Finanzwelt, Egoismus und Umweltfragen. Aber in Erinnerung bleibt vor allem eine unerhörte Vielfalt an Sujets, die oft erst mit der fasnächtlichen Persiflage wieder in Erinnerung gelangt ist.

Ideen-Feuerwerk

Abseits der grossen Bühne der Cortèges, der Gugge-Konzerte und der Schnitzelbangg-Podien präsentiert sich die «freie» oder «wilde» Fasnacht. Ältere Semester erinnern sich an die Zeiten, da der Dienstag noch ein mehr oder weniger normaler Arbeitstag war und sogar das Tram noch durch die Innenstadt fahren konnte. Längst ist dies nun aber der ganz grosse Tag der Familien- und Kinderfasnacht. Auch oder sogar in besonderem Mass haben in diesem Jahr Aktive und Zuschauer einen kaum erfassbaren Reichtum an Fantasie und Ideen-Feuerwerk geniessen können. Binggisse zu Fuss, in Leiterwagen, auf den Schulter der Eltern und Grosseltern oder auch mal zu Gast auf einem Waggiswagen haben ihre ersten Erfahrungen gemacht mit Räppli-Schlachten, Dääfeli-Verteilen, Sprücheklopfen oder vorweg schon mit dem Gestalten, Bauen und Bemalen ihrer Wägeli und Requisiten. Von einem Nachwuchs-Mangel an angefressenen Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern kann nicht die Rede sein.

Als weiteres Pièce de Résistance hat auch die Ausstellung der etwa 200 Laternen mit einem Besucherstrom den Münsterplatz fast zum Platzen gebracht. Zu Recht. Denn nur hier bietet sich die Möglichkeit, sich an dieser wohl weltweit grössten Ausstellung vergänglicher Meisterwerke die Details der Sujet-Darstellungen zu Gemüte zu führen.

Rote Chinesen-Invasion

Was aber auch zum Fasnachts-Dienstag gehört, sind die vielen skurrilen, schrägen, teils mit einem Riesenaufwand vorbereiteten, teils spontan gestalteten Auftritte an allen Ecken und Enden in den Gassen und Beizen. Als besonderer Höhepunkt hat man den Monster-Umzug der von den Revoluzzern angezettelten roten Chinesen-Invasion erlebt. Mitten in der Rheingasse sind Tennis-Spiele ausgetragen worden. Im Imbergässli hat eine Stubete zu den Klängen des Schacher Seppli zum Verweilen eingeladen. An einer Déjà-vu-Bar am Spalenberg sind nur selbst gedruckte Drachmen an Zahlung genommen worden. Und die Güete Bonjour Clique hat mit fliegenden Equipen nach neuestem französischem Comment Alkohol-Blastests durchgeführt. Es ist schwer vorstellbar, was sich ein unvorbereiteter auswärtiger Besucher in diesem kleinen Bermudadreieck unserer Innenstadt bei dieser Unzahl von Schrullen und schrägen Einfällen denken mag.

Besonders viel Publikum

Als besonderes Merkmal der Fasnacht 2012 ist der Aufmarsch des Publikums festzuhalten. In diesem Jahr scheinen, sicher auch begünstigt durch das ideale Wetter, alle bisherigen Grenzen gesprengt worden zu sein. In allen Abschnitten der Cortèges haben sich Zuschauerinnen und Zuschauer meist in mehreren Reihen gedrängt. Und selbst bis zum bitteren Ende am Donnerstagmorgen um vier Uhr haben sich die Aktiven und die Zivilisten noch fast die Waage gehalten. Dass dabei keine ausserordentlichen Vorfälle oder Unfälle zu verzeichnen sind, grenzt fast an ein Wunder. Dieses kleine Wunder von Basel hat zwei Ursachen. Zum einen ist es die legendär kollegiale Zusammenarbeit und das Riesenengagement zwischen allen Beteiligten Behördenstellen und dem ehrenamtlichen Fasnachts-Comité. Zum anderen ist es, auch wenn dies ein wenig pathetisch klingt, der Basler Geist. In diesem Jahr haben wir diese Stimmung der Freundschaft und Fröhlichkeit, der friedlichen Koexistenz der besonderen Spezies am Rheinknie ganz besonders gespürt. Das dürfen wir dankbar zur Kenntnis nehmen. Als Genugtuung, aber auch als Verpflichtung für die kommenden 363 Fasnachts-freien Tage im grauen Alltag.