130 Jahre später ist es kaum vorstellbar. Aber im auslaufenden 19. Jahrhundert hatte (fast) niemand auf die Elektrifizierung gewartet. Für alle drei Hauptanwendungsbereiche dieser neuartigen Energiequelle, Licht, Kraft und Wärme, existierten bereits seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten bewährte Alternativen. Die Petrol- und Gaslampen spendeten das Licht. Die mit Kohle befeuerten Dampfkessel sorgten für den Antrieb von Lokomotiven und Maschinen; und geheizt und gekocht werden konnte mit Holz.

Wenn die Elektrifizierung dennoch in Baselland besonders rasch und umfassend Fuss fasste, dann war das nicht zuletzt einer Reihe von Pionieren wie dem Benkemer Ingenieur und Elektra-Birseck-Initianten Friedrich Eckinger zu verdanken. Seine Vision hiess: Alles, was elektrisch werden kann, wird elektrisch. Mit Erfolg. Bereits 1910 waren alle Baselbieter Gemeinden ans Elektrizitäts-Netz angeschlossen, das von rund 50 zwischen 1897 und 1910 gegründeten Elektra-Genossenschaften unterhalten wurde.

120 historische Fotografien

Der Muttenzer FHNW-Professor für Wirtschaftskommunikation und ehemalige Spitzenhandballer Florian Blumer fasst genau diese faszinierende technische Beschleunigung im Buch «Wie Baselland Strom bekam» zusammen. Soeben vom Baselbieter Kantonsverlag herausgegeben, liegt der besondere Reiz dieser Neuerscheinung darin, dass die bisweilen komplexe technische Materie sehr anschaulich mittels 120 historischer Fotografien erfassbar wird; folglich ist Blumers Werk in der Reihe der «bild.geschichten.bl» erschienen, deren neunten Band es darstellt.

Die Frage nach dem Umgang der Menschen mit den technischen Neuerungen stand dabei für den Autoren im Vordergrund. Blumer schloss 1993 seine Dissertation über «Die Elektrifizierung des Alltags» ab und arbeitete zum Thema an der neuen Baselbieter Geschichte von 2001 mit. Mit dem vorliegenden Bildband «schliesst sich der Kreis dieser Forschungsarbeit», wie der Wirtschaftswissenschaftler feststellt.

Die erste Spur einer elektrischen Anwendung im Baselbiet fand Blumer übrigens am Kantonalgesangfest vom 21. Mai 1882 in Gelterkinden. Im 1200 Quadratmeter grossen Festzelt, das ebenso vielen Sängerinnen und Sängern Platz bot, sorgten elektrische Lampen für die Beleuchtung. Zu Blumers Erstaunen merkte dies die «Basellandschaftliche Zeitung» damals nur in einem Nebensatz an. Als wäre diese ungeheure Neuerung bereits so selbstverständlich, wie sie es im Laufe der folgenden knapp 130 Jahre werden sollte.