So hart die Baselbieter Kulturdirektorin Monica Gschwind dafür kritisiert worden war, im März die Suche nach einem Nachfolger von Niggi Ullrich als Leiter der Abteilung kulturelles.bl sistiert zu haben, muss man etwas festhalten: Ohne zweite Ausschreibungsrunde hätte das Baselbiet nun eine andere Kulturbeauftragte.

Esther Roth, deren einstimmige Ernennung durch die Findungskommission gestern bekannt gegeben wurde, und die sich gegen 86 Bewerberinnen und Bewerber durchsetzte, hatte sich bei der ersten Ausmarchung noch gar nicht beworben, wie sie der bz sagt. «Jetzt freue ich mich natürlich wahnsinnig», fügt sie an.

Roth schweigt zu ihren Zielen

Die 35-jährige Roth stammt aus dem Berner 700-Seelen-Dorf Grasswil, wohnt aber seit 2013 in Basel. Die zurzeit freischaffende Kulturmanagerin wird ihre Stelle per 1. Februar 2016 antreten. Somit erhält Baselland nach 13 Monaten Vakanz endlich wieder eine offizielle Ansprechperson für die Kulturschaffenden der Region. Sie weiss genau: «Es ist in diesen stürmischen Zeiten eine grosse Herausforderung.» Tatsächlich herrschen harte Zeiten für die Kulturinstitutionen. Die Sparmassnahmen der Baselbieter Regierung treffen den Kulturbereich bis 2017 mit Einsparungen von knapp 800 000 Franken.

Die Kulturbeauftragte, die Monica Gschwind auch dabei berät, welche Institutionen wie unterstützt werden, muss mit weniger Mitteln als ihr Vorgänger auskommen. «Ullrichs Fussstapfen sind sehr gross», ist sich Roth bewusst. Zwei Schwerpunkte werden sie besonders beschäftigen: die Vorbereitungen für das neue Kulturleitbild sowie die Verhandlungen mit Basel-Stadt zur Kulturvertragspauschale. «Wir sind überzeugt, mit Esther Roth die geeignete Persönlichkeit für diese Herausforderungen gefunden zu haben», sagt Dani Suter, Leiter des Amts für Kultur. Wo sie inhaltlich Akzente setzt, möchte Roth erst nach Amtsantritt bekannt geben: «Ich will Spekulationen keinen Auftrieb geben.»

Genug Fokus auf Landkultur?

Gewisse Schlüsse lässt ihr bisheriger Werdegang allerdings schon zu: Roth, die an der Uni Basel Kulturmanagement studiert hat, arbeitete bereits in unterschiedlichen Kulturinstitutionen des Theater- und Musikbereichs in der Schweiz und Deutschland, aktuell als Projektleiterin bei der Koordinationsstelle für Musikerinnen «Helvetiarockt». Als Vorstandsmitglied des Rockförderverein Basel (RFV), Präsidentin der Vereinigung der «KünstlerInnen-Theater-VeranstalterInnen» Schweiz und Stiftungsratspräsidentin der Schweizerischen Interpretenstiftung setzt sie sich bereits für die Interessen der Kunstschaffenden ein, speziell für die Bereiche Musik und Theater. «Ich bin aber der Ansprechpartner für alle Sparten», betont sie.

Das bezweifelt Georges Thüring. Der Grellinger SVP-Landrat äussert als Mitglied der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission (BKSK) Vorbehalte: «Ich bin sehr erstaunt und enttäuscht über die Wahl», sagt er. Und: «Ich hätte erwartet, dass jemand ausgewählt wird, der die Landkultur in den Vordergrund stellt.» Um die Baselbieter Kultur zu verstehen, brauche es auch eine gewisse Lebenserfahrung, so Thüring. Das lässt Roth nicht auf sich sitzen: «Bloss weil ich in Basel wohne, bin ich nicht nur eine junge urbane Frau. Ich stamme aus Grasswil im Oberaargau (BE) und kenne alle Formen der ländlichen Kultur – vom Jodlerchor bis zur Laienbühne.»

Während Thüring auf die Person spielt, formuliert es Niggi Messerli, Chef des Liestaler Kulturhauses Palazzo, vorsichtiger: «Ich hoffe, dass bei Frau Roth wirklich Baselbieter Kulturthemen in den Vordergrund rücken und nicht städtische.» In Baselland gebe es viele Baustellen, bei denen man ansetzen könne, sagt Messerli und nennt unter anderem das Schloss Wildenstein, das Zentrum Ebenrain oder das Marabu Gelterkinden. «Es braucht frischen Wind, um diese kulturellen Angebote zu verbessern», sagt er.

Roth soll Gschwind Paroli bieten

Unterstützung erhält Roth von Tobit Schäfer, der sie als Geschäftsleiter des RFV bereits gut kennt: «Esther Roth ist geprägt von der freien Künstlerszene und weniger von den grossen Kulturhäusern. Sie kann deshalb eine echte Brückenbauerin sein und die beiden Basel wieder näher zusammenbringen», sagt der SP-Grossrat. Er freue sich sehr für sie, aber auch für die Kulturregion, die nun von Roths offener, engagierter Art profitieren werde. «Das bringt frischen Wind ins Amt», argumentiert er ganz im Sinne Messerlis. Schäfer weiss freilich, dass Roth, die aus dem Vorstand des RFV ausscheiden wird, als Kulturbeauftragte eine andere Position vertreten müsse als bisher.

«Roth wird von Amtes wegen loyal sein zu Gschwind», glaubt auch die Reinacher Künstlerin Irene Maag, die aktuell mit einer Resolution gegen die Sparmassnahmen im Kulturbereich kämpft. Gleichzeitig müsse Roth aber explizit die Interessen der Kulturschaffenden vertreten. Das ist auch für BKSK-Präsident Christoph Hänggi entscheidend: «Wegen des Sparauftrags wird es Frau Roth nicht einfach haben, doch da braucht es eben Rückgrat, teilweise eine Gegenposition zur Regierung einzunehmen», so der SP-Landrat. Was er mit «Gegenposition» meint, ist klar: Im Kulturbereich dürfe nicht weiter gespart werden.